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Das zweite Königreich

Das zweite Königreich

Titel: Das zweite Königreich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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Herrgott noch mal, du bist mein Bruder. Du bist mein Bruder …
    Instinktiv hatte er die Fäuste geballt, aber Dunstan hatte es gar nicht auf seine Hand abgesehen. Mit der Linken umfaßte er Cædmons Ausschnitt und zog mit einem kräftigen Ruck. Das Gewand zerriß, Dunstan zielte mit zusammengekniffenen Augen, drückte Cædmon das Kreuz mitten auf die Brust, und es zischte wie Regentropfen im Feuer.
    Gott hielt sich erwartungsgemäß aus der Sache heraus.
    Cædmon schrie.
     
    Er lag am Boden. Er war nicht ganz sicher, wie er dorthin gekommen war. Vermutlich hatte Gorm ihn losgelassen, und seine Beine waren einfach weggeknickt. Er hatte den Kopf in den Armen vergraben und die Augen zugekniffen, und als das Tosen in seinen Ohren abebbte, stellte er fest, daß er keuchte. Er versuchte, flach und langsam zu atmen, versuchte, den Schmerz unter Kontrolle zu bringen, sich nicht davon beherrschen zu lassen, sich an all das zu erinnern, was Jehan de Bellême ihm darüber beigebracht hatte. Aber er hatte große Mühe, zusammenhängend zu denken. Der widerwärtige Gestank seines eigenen verbrannten Fleisches hüllte ihn ein. Die neunhundert Normannen, die die Northumbrier im Bischofspalast von Durham verbrannt hatten, kamen ihm in den Sinn. Je verzweifelter er sich bemühte, das Bild zu verdrängen, um so übermächtiger wurde es.
    »Steh auf«, grummelte Gorm über ihm und zerrte ihn auf die Füße. Cædmon blinzelte. Hereward war zurückgekehrt, lehnte mit der Schulter an der Wand neben dem Herd und betrachtete ihn mit distanziertem Interesse. Dunstan stand mit verschränkten Armen an seiner Seite, die Zange in der Hand. Das Kreuz lag im Feuer, und Cædmon erkannte, daß dieses Ritual in Wahrheit nicht das geringste mit einem Gottesurteil zu tun hatte, daß Dunstan keineswegs gewillt war, drei Tage zu warten, um festzustellen, ob sein Bruder die Wahrheit gesagt hatte oder nicht. Geduld war noch nie seine Stärke gewesen. Cædmon wurde sterbenselend.
    Dunstan betrachtete ihn mit einem gönnerhaften Grinsen. »Das stehst du nicht lange durch, Brüderchen«, prophezeite er flüsternd. »Besser, du machst das Maul auf. Was hat der Bastard vor? Wozu hat er dich hergeschickt?«
    Cædmon fuhr mit der Zunge seine Zähne entlang. »Ich weiß nicht, was er vorhat, Dunstan.«
    »Und wenn du es wüßtest, könntest du es mir nicht sagen, richtig?« höhnte Dunstan.
    Cædmon sah ihn stumm an.
    Dunstan winkte ab. »Mir ist vollkommen egal, ob du ihm einen Eid geleistet hast. Du bist ein Verräter.«
    »Du irrst dich.« Die Übelkeit war abgeklungen, er konnte wieder sicher stehen. Aber es brannte immer noch grauenhaft. Ist so die Hölle? fuhr es ihm durch den Kopf. Er fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis es nachließ. »Die Verräter seid ihr. William ist … der rechtmäßige König.«
    »Harold war der rechtmäßige König!« Ein eigentümlich verzweifelter Unterton lag in Dunstans wütendem, tonlosen Zischen.
    »Aber Harold ist tot, Dunstan.« Er war müde, völlig erschöpft, und er fror. Doch er zwang sich, weiterzureden. »Wer, denkst du, soll König von England werden, wenn ihr Erfolg habt und die Normannen aus England vertreibt? Ich kann nicht glauben, daß ihr dieses feige, hinterhältige kleine Ungeheuer Edgar Ætheling auf den Thron setzen wollt.« Dunstans Augen verrieten seine Gedanken, sie glitten für einen winzigen Augenblick nach links.
    Cædmon sah zu Hereward. »Ihr habt große Pläne.«
    Hereward hob gelassen die Schultern. »Wenn William gestürzt ist, werden die Witan entscheiden, wer König wird. Nach englischer Sitte und englischem Recht.«
    Cædmon nickte. »Nach dem neuen englischen Recht?« fragte er leise. Seine Stimme klang eigentümlich kraftlos, aber jeder im Saal hörte ihn, es war geradezu unheimlich still geworden. »Dem Recht des Stärkeren? Welcher der englischen Witan, die noch übrig sind, hätte schon zweihundert Männer, die er gegen Eure aufbieten könnte?«
    Hereward fuhr zu Dunstan herum. »Mach endlich weiter. Wenn du zimperlich wirst, weil er dein Bruder ist, dann tu ich es! Mal sehen, ob er in einer Stunde immer noch so große Worte führt.«
    In einer Stunde …
    Dunstan schüttelte entrüstet den Kopf und holte das Kruzifix aus der Glut. Cædmon schloß die Augen, als Gorm ihn wieder packte. Er bildete sich ein, das leise Knistern schon hören zu können, mit dem die spärlichen Haare auf seiner Brust verbrannten, noch ehe das Eisen ihnberührte. Er erinnerte sich jetzt, daß

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