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Das zweite Königreich

Das zweite Königreich

Titel: Das zweite Königreich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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Grenze. Und heute? Du bist in der Normandie gewesen, andere Engländer gehen nach Haithabu oder Bremen, um Handel zu treiben, wieder andere nach Byzanz zu den Warangern, und ich sage dir, es wird jetzt nicht mehr lange dauern, bis die Kriegerscharen der Christenheit ins Heilige Land ziehen, um es von den Mauren zu befreien. Und je größer die Welt ist, um so schwieriger wird es, sie zu begreifen, und vor allem, sie zu beherrschen. Das Wissen, das dazu vonnöten ist, kann der Vater nicht mehr an den Sohn vermitteln. Dieses Wissen gibt es nur in Büchern. Die Heiden haben das längst erkannt. Sie sind gebildet. Sie sind uns um Längen voraus. Und darum wird es auch nicht so einfach sein, sie zu vernichten, wie der Papst uns alle gern glauben machen will. Nein, ich sage dir, der Tag ist nicht mehr fern, da ein Illiteratus auf dem Thron nichts weiter sein wird als ein gekrönter Esel!«
    Es war nicht einfach, Bruder Oswalds feurigen Worten etwas entgegenzusetzen – jetzt verstand Cædmon, was Guthric gemeint hatte, als er sagte, Oswalds Zunge sei das Schwert Gottes.
    »Man hat William schon schlimmer betitelt«, bemerkte er schließlich mit einem verschämten kleinen Grinsen. »Mag sein, daß du recht hast, Bruder Oswald, vielleicht wird es so kommen, wie du sagst. Aber das ändert nichts an meiner Ansicht: Einem Mann, der nicht Mönch ist, steht das Lesen nicht an. Es ist vollkommen überflüssig.«
    Oswald nickte. »Etwa so überflüssig wie das Lautespiel.«
    »Aber …«
    Gorm ersparte Cædmon die endgültige, schmachvolle Niederlage in diesem Wortgefecht, weil er genau diesen Moment wählte, die Tür zum Weinkeller aufzustoßen. Er riß sie beinah aus ihren alten, rostigen Angeln. Gorm öffnete jede Tür mit dem gleichen Übermaß anKraft wie Jehan de Bellême. Jedesmal fand sich Cædmon an ihn erinnert.
    Gorm blinzelte dümmlich im Dämmerlicht und zeigte dann mit dem Finger auf Cædmon. »Komm mit.«
    Angst durchzuckte Cædmon. Zögernd stand er vom Tisch auf. »Wohin?«
    »Komm schon.«
     
    Er führte ihn hinaus in den sonnendurchfluteten Innenhof, und jetzt war es an Cædmon zu blinzeln. Beinah hatte er vergessen, daß Sommer war. Es roch nach Staub und Hitze und dem Schweiß vieler Männer, überlagert von einem schwächeren, aber betörenden Duft, der vom Kräutergarten herüberwehte.
    Und dorthin führte ihn der Goliath. Cædmon stieg über das niedrige Spalier und atmete tief durch. Nicht Dunstan hatte nach ihm geschickt. Morcar of Mercia saß auf einer niedrigen Holzbank neben einer dicht berankten Laube und sah ihm entgegen.
    »Ich dachte, Ihr wäret vielleicht froh, einmal für eine Stunde die Sonne zu sehen«, bemerkte er, als Cædmon zu ihm trat.
    »Danke, Mylord.«
    »Setzt Euch.«
    Cædmon ließ sich neben ihm nieder, pflückte ein winziges Blatt von einem nahen Strauch, rieb es zwischen den Fingern und roch daran. Der Duft erinnerte ihn an Lammbraten.
    »Was ist es?« fragte Morcar.
    Cædmon hob die Schultern. »Thymian? Ich habe keine Ahnung.« Er ließ das Blättchen achtlos fallen, und es trudelte lautlos ins Gras.
    Morcar nahm den Weinschlauch, der neben ihm lag, und reichte ihn Cædmon. »Hier. Trinkt, ich hatte schon mehr als genug. Seit ich hier bin, hat mich eine seltsame Gier nach Wein und Met gepackt. Wenn ich mich nicht zusammenreiße, bin ich schon mittags betrunken.«
    »Warum?« fragte Cædmon überrascht. »Ich hätte gedacht, Ihr wäret froh und glücklich, William entkommen zu sein. Und seid Ihr nicht hergekommen, weil Ihr glaubt, daß Hereward die letzte Hoffnung für ein angelsächsisches England ist?«
    »Vielleicht. Was denkt Ihr?«
    »Ich denke, er wird scheitern«, antwortete Cædmon offen. »Aber ich mag mich irren.«
    Morcar nickte nachdenklich. »Ihr habt schon recht. Deswegen bin ich hergekommen. Aber froh und glücklich? Wißt Ihr, ich habe William einen Eid geleistet, genau wie Ihr.«
    Cædmon winkte ab. »Mit seinem Schwert praktisch an Eurer Kehle. Darüber solltet Ihr Euch keine Gedanken machen.«
    Morcar betrachtete ihn verwundert. »Warum sagt Ihr das? Es ist weiß Gott schwer auszumachen, wo Ihr steht.«
    Cædmon trank. Es war ein guter, fruchtiger Weißwein, vom Rhein oder der Mosel vielleicht; er kannte sich mit Wein kaum besser aus als mit Kräutern. »Dasselbe könnte ich von Euch sagen«, entgegnete er dann. »Als wir uns das letztemal gesehen haben, kurz nach der Krönung in Westminster, habt Ihr mich, wenn ich mich recht entsinne, einen Verräter und

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