Das zweite Königreich
Daß er jeden gottverdammten Tag seinen Kopf in die Schlinge steckt, indem er beim König für sein Volk einsteht?«
»Auf welcher Seite steht Ihr?« zischte Dunstan wütend.
»Dunstan!« fuhr Hereward ihn an.
»Ich will dir sagen, auf welcher Seite ich stehe, du tollwütiges … Augenblick mal. Ich kenne dich! Du warst Harold Godwinsons Laufbursche damals im Zweischlachtenmonat, kurz vor der Eroberung. Du bist zu Edwin und mir gekommen und wolltest uns in Godwinsons Namen Vorschriften machen, wir hätten gefälligst nach Süden zu marschieren. Du bist Dunstan … of Helmsby.« Er sah ungläubig von Dunstan zu Cædmon und wieder zurück. Eine so abgrundtiefe Abscheu stand in seinem Gesicht, daß Dunstan leicht errötete und sichtlich schluckte.
Morcar trat angewidert von ihm zurück und richtete seinen geballten aristokratischen Hochmut und Unwillen auf Hereward. »Ich verlange, daß Ihr ihn auf der Stelle freilaßt.«
Hereward fühlte sich sichtlich unwohl, aber er schüttelte den Kopf. »Das ist ausgeschlossen, Mylord. Es hieße, daß wir Ely aufgeben müßten, und nirgendwo sind wir so sicher wie hier. Er hat zuviel gehört und gesehen.«
Morcar wandte sich an Cædmon. »Würdet Ihr William berichten, was Ihr gehört und gesehen habt?«
Cædmon nickte.
»Dann werdet Ihr hierbleiben müssen, bis Hereward sich entschließt, von Ely abzuziehen, Cædmon.«
Er hob gleichmütig die Schultern. Er hatte mit weitaus Schlimmerem gerechnet. Und es bedeutete immerhin, daß es ihm vorläufig erspart blieb, Roland Baynards Schwester heiraten zu müssen, wie immer sie heißen mochte …
Morcar nickte Hereward knapp zu. »Ich verlange, daß er anständig untergebracht wird.« Er warf einen vernichtenden Blick in Dunstans Richtung. »Und laß dich nicht dabei erwischen, daß du ihm noch einmal zu nahe kommst, du … widernatürliches Monstrum.«
Man hätte darüber streiten können, ob der leergetrunkene Weinkeller ein »anständiges« Quartier war oder nicht, aber Cædmon zog es auf jeden Fall vor, dort mit Guthric und Oswald zusammenzusein, als anderswo allein. Er hatte Glück – die Brandwunde auf seiner Brust entzündete sich nicht. In den ersten Tagen litt er noch unter heftigen Schmerzen, vor allem nachts, aber es verging. Der junge Novize, der ihnen das Essen brachte und sie, vermutlich auf Morcars Geheiß, mit allen möglichen Annehmlichkeiten wie beispielsweise Decken versorgte, verband die Wunde mit halbwegs sauberen Leinenstreifen und gab Cædmon ein neues Gewand, dem noch recht deutlich anzusehen war, daß es einmal eine Benediktinerkutte gewesen war. Einen Tag später brachte er ihm sein eigenes zurück, der lange Riß von geschickten Händen sorgfältig ausgebessert.
Auch Bruder Oswald machte Fortschritte. Die tiefe Bewußtlosigkeit wich einem natürlichen Schlaf. Schon mehrfach hatte er die Augen aufgeschlagen und leise vor sich hingemurmelt. Er war keinmal ganz zu sich gekommen, doch als Cædmon etwa zehn Tage in Ely war, wachte er schließlich auf.
»Guthric.«
»Bruder Prior.«
»Und … Cædmon!«
»So ist es. Willkommen im Diesseits, Bruder Oswald.«
Der schmächtige, kleine Bruder wollte sich aufrichten, aber Cædmon legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sachte. Was macht der Kopf?« Oswald blinzelte konzentriert. »Nichts Besonderes. Er steckt voll neugieriger Fragen, wie üblich. Zum Beispiel: Was in aller Welt hast du hier verloren? Oder: Was muß ich tun, um einen Schluck Bier zu bekommen? Oder auch: Was war, ehe Gott Himmel und Erde erschuf?«
Cædmon half ihm lächelnd, sich aufzusetzen. »Der König hat mich hergeschickt, und nun sitze ich hier fest. Bier ist in dem Krug gleich neben Euch. Und was die dritte Frage anbelangt, sie wird wohl warten müssen, bis Ihr sie Gott persönlich stellen könnt.«
Hinter dem Rand des Kruges verzogen Oswalds Lippen sich zu dem breiten Lächeln, an das Cædmon sich so gut erinnerte. Dann setzte er ab.
»Sei nicht so sicher. Vielleicht können wir es doch irgendwie selbst ergründen … Aber ich denke, vorher müßte ich mich rasieren. Und waschen.«
Sie lachten.
Mit Bruder Oswalds Erwachen änderte sich ihre Situation dramatisch. Er brauchte nicht lange, um herauszufinden, daß Cædmon praktisch kein Wunsch verwehrt blieb, und so scheuchte Oswald ihre Wärter, daß sie ins Schwitzen gerieten: Warmes Wasser und ein Rasiermesser waren nur der Anfang. In Windeseile bekamen sie einen Tisch und Schemel, Oswalds Katze Griselda, die ihnen die Ratten
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