Delphi Saemtliche Werke von Theodor Fontane (Illustrierte) (German Edition)
von London erzählt hat.«
»Und wie fand er London?«
»Er klagte, daß alles zu schwer sei, sogar die Träume.«
»Je nun«, lachte der Graf, »die sind heuer auch in Frankreich gerade schwer genug. Es sind Rüstungs- und Waffenträume, Vierundzwanzigpfünder mit der Aufschrift ›Revanche‹. Ja, die Franzosen sind und bleiben Kinder. Aber so schwer ihre Träume sind, so leicht ist ihr Leben nach wie vor, und ich habe keinen Unterschied entdecken können zwischen sonst und jetzt. Das entkaiserte Frankreich, um Fräulein Phemis Wort zu wiederholen, ist nicht entzaubert. Und warum nicht entzaubert? Weil es zu den Vorzügen oder meinetwegen auch zu den Schwächen dieses Volkes gehört, im steten Wechsel der Dinge sich selbst immer gleich zu bleiben. Ich habe es nun unter einem halben Dutzend widerstreitender Regierungen im wesentlichen ohne jede Veränderung gesehen und möchte mich fast verwetten, daß es auch dasselbe war, als die Trikoteusen um die Guillotine herumsaßen und schnupften und plauderten und Strümpfe strickten. Es ist ein Phantasievolk, dem der Schein der Dinge vollständig das Wesen der Dinge bedeutet, ein Vorstellungs- und Schaustellungsvolk, mit einem Wort, ein Theatervolk.«
»Wie die Wiener?«
»O nicht doch, meine Gnädigste. Die Wiener sind ein Vergnügungsvolk und gehen ins Theater, um unter Lachen und Weinen sich etwas vormachen zu lassen, aber auch der Passionierteste fühlt sich schließlich auf seinem Parkett- oder Parterreplatz immer noch wie ein Gast. Anders der Franzose. Der ist da zu Hause, füllt die Hälfte seines Daseins mit Fiktionen aus, und wie die Stücke sein Leben bestimmen, so bestimmt das Leben seine Stücke. Jedes ist Fortsetzung und Konsequenz des andern, und als letztes Resultat haben wir dann auch selbstverständlich ein mit Theater gesättigtes Leben und ein mit Leben gesättigtes Theater. Also Realismus! Auf der Bühne gewiß, aber auch weitergehend in der Kunst überhaupt. Welche Lust, ein französisches Schlachtenbild zu sehen, auf dem die Säbel nicht angeklebt sind, sondern wirklich geschwungen werden. Elan auch da, Leben und Wirklichkeit. Und nun gar erst der Roman!«
»Ah, Sue; Balzac.«
»Überholt.«
»Flaubert?«
»Überholt.«
»Nun, wer denn?«
»Eine neue Größe. Zola. Emile Zola.«
»Was sehr unfranzösisch klingt.«
»Und es auch ist. Italiener von Abstammung, wie die meisten berühmten Franzosen.«
»Und was will er?«
»Ja, das ist schwer zu sagen, meine Gnädigste, weil er sehr vieles will und dies viele zu gleicher Zeit. Er hat jedenfalls seine ›Wahlverwandtschaften‹ gelesen und sieht in dem, was wir das Seelische zu nennen gewohnt sind, also zu meinem lebhaften Bedauern auch in der ganzen Machtsphäre der Liebe, nur sehr äußerliche, sehr natürliche Prozesse. Die Blutmischung spielt eine Rolle von Bedeutung und natürlich auch die Nerven. Aber das ist nicht die Hauptsache. Bis jetzt war es, wenn ich mich nicht irre, das Auge, was in dem bekannten und entscheidenden großen Romanmomente den Ausschlag zu geben hatte; der neue Romancier mit dem italienischen Namen aber geht weit, weit darüber hinaus und zieht nicht mehr und nicht weniger als die Gesamtheit aller Sinne heran. Gambettistische Levée en masse, wenn Sie wollen. Es hat unleugbar manches für sich, und ich breche nur ab, so gern ich fortführe, weil das Thema zu delikat und voll ganz besonderer Schwierigkeiten ist. Einer seiner Romane heißt beispielsweise ›Der Bauch von Paris‹.«
»Ah«, sagte Phemi. »Sehr interessant. Das verspricht etwas. Und das Neueste?«
»Das Neueste? Nun, das las ich in dem Feuilleton einer Zeitung, und der Titel lautete, so mir recht ist: ›La faute de l’Abbé Mouret‹. Der Herr Verfasser beschwört darin den Sündenfall, also ein immerhin interessantes Thema, noch einmal herauf und läßt ihn sich in einem modernen Blumenurwald vollziehen, dem er in offenbar gewolltem Anklang an das altehrwürdige Paradies den Namen ›Paradoux‹ gegeben hat.«
»Und wie führt sich Adam ein?«
»Vollkommen dezent.«
»Auch vor dem Fall?«
»Auch da, meine Gnädigste. Denn der Adam, um den es sich in dem Romane handelt, ist eben kein wirklicher Adam, sondern in jedem Sinn ein Kostüm-Adam und in Wahrheit niemand anderes als der Abbé Mouret selbst, ein schöner und liebenswürdiger junger Herr, der sich, wie’s einem Abbé geziemt, mit Händen und Füßen sträubt und wehrt und die Frucht vom Baume der Erkenntnis mit ihrer von Minute zu
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