Delphi Saemtliche Werke von Theodor Fontane (Illustrierte) (German Edition)
Minute röter und verführerischer werdenden Backe gern wegbeten möchte. Doch umsonst. Er fällt!«
»Natürlich.«
»Natürlich?« wiederholte Franziska. »Warum natürlich? Ich verlange, daß Gebete helfen… Und wie straft sich seine Schuld?«
»Er geht leer aus.«
»Comme toujours. Und Eva?«
»Stirbt. Aber selbstverständlich nicht auf dem herkömmlichen Wege, sondern trägt sich höchsteigenständig ihr Sterbelager aus der Gesamtflora des Paradoux zusammen, schläft ein und chloroformiert sich mit Blumenduft zu Tode.«
»Das möcht’ ich aber doch wirklich lesen.«
»Ein Entschluß, in dem ich Sie nur bestärken kann. Und seien Sie versichert, daß jede Seite Sie fesseln wird, aller Einwendungen unserer kritischen Freundin unerachtet. Über das Anfechtbare hilft schließlich die fremde Sprache hinweg. Ich werde mich bemühen, Ihnen die Blätter zu verschaffen. Und nun lassen Sie mich meinen ersten, ohnehin über Gebühr ausgedehnten Besuch rasch abbrechen. Auf gute Nachbarschaft, meine Damen. Bis morgen.«
Und damit erhob er sich, um seinen Morgenspaziergang in der Richtung auf den Bahnhof hin fortzusetzen. Als er eben die Veranda passiert hatte, lief ihm Lysinka, die draußen Federball spielte, nach, nahm seine Hand und sagte: »Guten Tag. Ich werde dich begleiten.«
Franziska war es nicht recht, aber Phemi lachte nur und sagte: »Sieh doch, er freut sich, das Kind an der Hand zu haben. Ach, Fränzl, du glaubst gar nicht, wie gleichgültig Legitimitätsfragen sind. Natürlich den Erbschaftspunkt abgerechnet.«
Achtes Kapitel
In derselben halben Stunde saß die Gräfin drüben vor einem an ihrem Balkonfenster stehenden Schreibtisch, um einen Brief an Feßler zu richten. Aber das entzückende Bild, das sich vor ihr ausbreitete, machte, daß sie die Feder, die sie vor einer Weile schon zur Hand genommen hatte, wieder niederlegte. Hoch über die mit Wein und Laubholz besetzten Berge hin zog ein silberglänzendes Gewölk, während unten im Tale schon die mit jedem Augenblicke bedrücklicher werdende Hitze des Tages lag. Ein Fähnlein, das die Schützenplatzstelle bezeichnete, hing schlaff am Mast herab und regte sich immer nur, wenn ein Luftzug ging. Plötzlich aber klang ein Paukenschlag vereinzelt und wie zufällig herüber, und die Gräfin, ihrem Sinnen dadurch entrissen, nahm die Feder wieder auf und schrieb:
»Lieber Freund!
In meinem Leben hier hat sich seit voriger Woche manches geändert, und seit gestern ist es ein Saus und Braus. In aller Frühe kam Egon Asperg und mit ihm der junge Pejevics, der, wie Sie vielleicht wissen, einige Wochen der Rennen halber in England war. Ich freute mich aufrichtig und beschloß, den Tag in aller Heiterkeit mit ihnen zu verbringen, würd’ aber damit gescheitert sein, wenn ich nicht die beiden jungen Damen, derer ich neulich schon Ihnen gegenüber Erwägung tat, als Hilfstruppe hätte heranziehen können. Ein paar junge Schauspielerinnen interessieren eben lebhafter als eine Tante von beinahe siebenzig. Und heute mehr denn je. Denn die Dinge, die für uns das Leben ausmachen, erscheinen mir in den Herzen der gegenwärtigen Generation um noch vieles erstorbener als in dem der vorigen. Mein Bruder hat wenigstens noch Spott für diese Dinge, Graf Egon aber nur Schweigen und Gleichgültigkeit. Indessen, ich will nicht anklagen, sondern berichten.
Ein Ausflug in die Berge ward also verabredet. Egon und ich zu Wagen, alles andere zu Fuß, so brachen wir in zwei Partien auf, um oben auf der Kuppe von Heiligenkreuz wieder zusammenzutreffen. Die beiden jungen Damen waren allerliebst, was Sie, der Sie der jüngeren von Anfang an Ihre Sympathien entgegenbrachten, nicht überraschen wird. Ich meinerseits möchte fast der älteren, dem Fräulein Phemi, wie sie kurzweg genannt wird, den Vorzug geben. In Fräulein Franz steckt allerdings ein bedeutenderer Fonds, aber eben weil sie bedeutender ist, ist sie zugleich auch minder bequem und stellt uns, als übe sie Kritik, unter eine beständige Kontrolle. Wie ganz anders dagegen das ältere Fräulein! Von einer gewinnenden Offenheit und Schelmerei, vergißt sie, die Worte zu wägen, oder will es vielleicht auch nicht und überhebt uns dadurch der Notwendigkeit, auf uns selber in jedem Augenblick ängstlich achten zu müssen. Auf uns achten ist freilich Pflicht, aber ängstlich auf uns achten wird leicht zur Pein.
Gegen neun Uhr waren wir von unserer Partie zurück. Egon und Graf Pejevics verließen mich gegen zehn, und
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