Delphi Werke von Charles Dickens (Illustrierte) (German Edition)
ein Geheimnis über ihrem Leben und ihrem Geschick, das bis jetzt nicht aufgeklärt ist, und das «
Ihre Stimme wurde schwankend und sie stockte.
»Und das « fuhr der Fremde fort.
»Das nur ein einziger Mensch aufklären könnte«, sagte Clemency atmend.
»Und wer wäre das?« forschte der Fremde.
»Mr. Michael Warden!« antwortete Clemency beinahe mit einem Schrei und bekundete damit zugleich ihrem Gatten, was sie ihm vorhin hatte deutlich machen wollen, und Michael Warden, daß er erkannt sei.
»Sie kennen mich noch, Herr«, sagte Clemency, zitternd vor Erregung. »Ich sah es soeben! Sie kennen mich noch von der Nacht damals im Garten. Ich war bei ihr!«
»Ja, ich weiß es«, entgegnete er.
»Ja, Herr«, versetzte Clemency. »Ja, bestimmt. Das ist mein Mann, Herr. Ben, lieber Ben, lauf zu Miß Grace laufe zu Mr. Alfred lauf zu irgend jemandem, Ben! Hole irgend jemanden herbei, sogleich!«
»Bleiben Sie!« sagte Michael Warden und trat gelassen zwischen die Tür und Britain. »Was wollen Sie anfangen?«
»Geben Sie ihnen Nachricht, daß Sie hier sind, Sir«, bat Clemency und schlug die Hände zusammen, ganz außer sich vor Verwirrung. »Geben Sie ihnen Nachricht, daß sie aus Ihrem Munde mehr von ihr erfahren können; daß sie ihnen nicht ganz verloren ist, sondern daß sie wieder heimkommen wird, um ihren Vater und ihre Schwester und auch ihre alte Dienerin, mich«, sie schlug sich mit beiden Händen auf die Brust, »mit dem Anblick ihres lieben Gesichts zu trösten. Eil’, Ben, eil’!« Und noch immer drängte sie ihn gegen die Tür, und noch immer stand Mr. Warden davor und versperrte ihm den Ausgang, nicht mit zorniger, sondern mit betrübter Miene.
»Oder vielleicht«, sagte Clemency und hielt sich an Mr. Wardens Mantel, »vielleicht ist sie jetzt hier; vielleicht ist sie ganz nahe. Ja, ich merke es Ihnen an, sie muß hier sein. Bitte, Herr, lassen Sie mich zu ihr. Ich hütete sie, als sie noch ein kleines Kind war. Ich sah sie aufwachsen als Freude dieses Ortes. Ich kannte sie, als sie Mr. Alfreds Braut war. Ich versuchte sie zurückzuhalten, als Sie sie hinweglockten. Ich kenne ihr Vaterhaus, wie es war, als sie es noch beseelte, und wie es sich geändert hat, seitdem sie entfloh. Bitte, Herr, lassen Sie mich zu ihr!«
Er sah sie mitleidig und erstaunt an, machte aber keine Geste der Einwilligung.
»Ich glaube nicht, daß sie wissen kann«, erklärte Clemency, »wie aufrichtig sie ihr vergeben haben; wie sehr sie sie lieben; welche Freude es ihnen bereiten würde, sie noch einmal zu sehen. Sie scheut sich vielleicht, nach Hause heimzukehren. Ich kann ihr vielleicht Mut zusprechen, wenn sie mich erblickt. Nur sagen Sie mir, haben Sie sie mitgebracht?«
»Nein«, sagte er kopfschüttelnd.
Diese Antwort, sein Verhalten, sein Traueranzug, seine stille Rückkehr, die angekündigte Absicht, ins Ausland zu ziehen, offenbarten alles: Marion war tot.
Er konnte ihr nichts entgegnen, ja, sie war tot! Clemency setzte sich nieder, legte das Gesicht auf den Tisch und weinte bittere Tränen.
In diesem Augenblick stürzte ein alter, grauhaariger Herr außer Atem ins Zimmer und keuchte so sehr, daß man an seiner Stimme kaum Mr. Snitchey erraten hätte.
»Mein Gott, Mr. Warden!« rief der Advokat und zog ihn beiseite, »was für ein Wind«, er war so erschöpft, daß er pausieren mußte und erst nach einer Weile ganz schwach fortfuhr, »hat Sie hierher geführt?«
»Ein schlimmer, fürchte ich«, antwortete er. »Wenn Sie hätten hören können, was hier eben geschah wie ich Unmögliches tun soll wie ich Betrübnis und Herzeleid mitbringe!«
»Ich kann alles begreifen. Aber warum sind Sie gerade hierher gekommen?« sagte Snitchey.
»Weshalb sollte ich nicht! Wie konnte ich wissen, wer hier Wirt ist? Als ich meinen Diener zu Ihnen schickte, ging ich hier herein, weil mir das Haus neu war. Ich hatte ein begreifliches Interesse für alles Neue und Alte in dieser Umgebung von einst. Außerdem aber wollte ich vor der Stadt erst einmal mit Ihnen zusammentreffen. Ich wollte wissen, was die Leute über mich reden. Ich sehe es an Ihrer Haltung, daß Sie es mir sagen können. Wäre Ihre verwünschte Vorsicht nicht gewesen, dann hätte ich längst alles erfahren können.«
»Unsere Vorsicht!« rief der Advokat aus. »Im Namen meiner selbst und Craggs’ selig«, hier blickte er auf den Flor an seinem Hut und schüttelte den Kopf, »zu Ihnen gesprochen, Mr. Warden, wie können Sie uns klugermaßen eine Schuld
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