Delphi Werke von Charles Dickens (Illustrierte) (German Edition)
wie eine Auster, und schlürfte sie in derselben Weise aus.
»Dieser selbe Mr. Michael Warden«, sagte Clemency grübelnd, »brachte mich um meine alte Stelle.«
»Und verschaffte dir einen Mann«, ergänzte Mr. Britain.
»Na ja«, meinte Clemency, »und dafür will ich ihm auch dankbar sein.«
»Der Mensch ist ein Knecht der Gewohnheit«, sagte Mr. Britain und sah seine Frau über seine Untertasse hin prüfend an. »Ich hatte mich an dich gewöhnt und sah ein, daß ich mich ohne dich nicht recht wohl fühlen würde. Ha, ha! Wer hätte das für möglich gehalten!«
»Ja wirklich!« rief Clemency, »Es war sehr gütig von dir, Ben.«
»Nein, nein, nein«, antwortete Ben mit selbstgefälliger Bescheidenheit. »Nicht der Rede wert.«
»O ja, Ben«, sagte seine Frau herzlich. »Ich glaube es doch und bin dir sehr zu Dank verbunden. Ach!« sie schaute wieder auf den Zettel »als es bekannt wurde, daß sie entflohen war, das liebe Mädchen, da konnte ich nicht anders ihretwegen und der Schwester und des Vaters wegen zu sagen, was ich wußte, nicht wahr?«
»Jedenfalls erzähltest du es«, bestätigte ihr Gatte.
»Und Doktor Jeddler« , sagte Clemency, ihre Tasse hinsetzend und nachdenklich auf den Zettel schauend, »jagte mich in seinem Kummer und Zorn aus dem Haus! Wie bin ich froh, daß ich damals kein böses Wort gesagt habe und ihm nichts Böses nachtrug; denn er hat es später herzlich bereut. Wie oft hat er hier gegessen und mir immer wieder gesagt, daß es ihm leid tue! Zum letztenmal gestern noch, als du nicht da warst. Wie oft hat er hier gesessen und stundenlang von dem und jenem geredet, als ob es ihm wohl tue! aber eigentlich nur aus Liebe zur einstigen Zeit und weil er wußte, daß sie mich gern gehabt hat, Ben!«
»Mein Gott, wie hast du das herausbekommen, Clemency?« fragte ihr Mann, ganz erstaunt, daß sie eine Wahrheit klar erkannte, die in seiner philosophischen Vernunft nur gedämmert hatte.
»Ich weiß es nicht«, sagte Clemency, und pustete über ihren Tee, um ihn abzukühlen. »Himmel! ich könnte es nicht sagen, und wenn man mir eine Belohnung von hundert Pfund verspräche.«
Er hätte feine philosophischen Gedankengänge wohl noch weiter fortgesetzt, hätte er nicht hinter ihm an der Tür der Gaststube eine substantielle Erscheinung in Gestalt eines Herrn in Trauer, der einen Reitanzug trug, wahrgenommen. Er schien auf ihr Gespräch zu achten und gar nicht die Absicht zu haben, sie zu unterbrechen.
Clemency erhob sich. Auch Mr. Britain stand auf und begrüßte den Gast. »Wünschen Sie gefälligst hinaufzugehen, Sir? Es ist ein sehr hübsches Quartier oben, Sir.«
»Ich danke Ihnen«, sagte der Fremde und sah Mrs. Britain aufmerksam an. »Ist es gestattet, hier einzutreten?«
»O, wenn Sie wünschen«, gab Clemency zur Antwort und öffnete das Schankzimmer. »Was wünschen Sie, Herr?«
Er hatte den Zettel bemerkt und las ihn jetzt.
»Ein sehr schönes Grundstück, Herr«, erklärte Mr. Britain.
Er antwortete nicht, sondern drehte sich um, als er die Lektüre beendet, und schaute Clemency mit der gleichen forschenden Aufmerksamkeit wie zuvor an. »Sie fragten«, sagte er, ohne den Blick von ihr abzuwenden
»Was der Herr wünschen«, entgegnete Clemency und sah ihn gleichfalls verstohlen an.
»Wenn Sie mir einen Schluck Ale geben wollen«, sagte er und trat an einen Tisch am Fenster, »und zwar hierher bringen wollen, ohne daß Sie sich bei Ihrem Tee stören lassen, würde es mir sehr lieb sein.«
Er nahm ohne weiteres Platz und schaute auf die Landschaft hinaus. Er war ein Mann in der Blüte seines Lebens, gut und kräftig gebaut. Sein sonnengebräuntes Gesicht überschattete dunkles Haar, und er trug einen Schnurrbart. Als man ihm sein Bier gebracht hatte, schenkte er sich ein Glas ein und trank freundlich auf das Wohl des Hauses; als er das Glas wieder niedersetzte, bemerkte er: »Ein neues Haus, nicht wahr?«
»Nicht gerade neu, Sir«, erwiderte Mr. Britain.
»Etwa fünf bis sechs Jahre alt«, sagte Clemency, mit ausgesprochener Betonung.
»Ich glaubte vorhin, als ich eintrat, den Namen Dr. Jeddlers zu hören«, bemerkte der Fremde. »Dieser Zettel erinnert mich an ihn; denn ich weiß durch Zufall von der Angelegenheit durch Hörensagen und gewisse Beziehungen. Lebt der alte Herr noch?«
»Gewiß, Herr«, sagte Clemency.
»Hat er sich sehr verändert?«
»Seit wann, Herr?« fragte Clemency mit besonderem Ton in der Stimme.
»Seit seine Tochter ihn verließ.«
»Ja!
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