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Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2

Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2

Titel: Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2 Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tad Williams
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während er sich die glänzendschwarzen Federn putzte, hielt der Rabe die hellen, gelben Augen offen; als der Pokal auf ihn zusauste wie ein von der Schleuder geschnellter Stein, blieb ihm reichlich Zeit, mit harschem Schrei und ausgebreiteten Schwingen aufzuflattern, hinüber zu seinen Vettern in den Baumwipfeln. Der zerbeulte Pokal rollte in einem schiefen Kreis über den Steinboden und kam dann taumelnd zur Ruhe. Von dem dunklen Gebräu, das unter dem Fensterbrett herausgespritzt war, stieg ein dünner Dampffaden auf.
    »Ich hasse ihre Augen«, erklärte König Elias und griff nach einem frischen Pokal, den er nunmehr zu seinem vorgesehenen Zweck benutzte. »Diese verdammten gelben Spitzelaugen.« Er wischte sich die Lippen. »Ich glaube, sie spionieren mir nach.«
    »Spionieren, Majestät?«, meinte Guthwulf langsam. Er hatte keine Lust, Elias in einen seiner tobenden Wutanfälle zu versetzen. »Warum sollten Vögel spionieren?«
    Der Hochkönig durchbohrte ihn mit grünem Blick. Ein Grinsen zerriss sein bleiches Gesicht. »Ach, Guthwulf, du bist so unschuldig, so engelrein!« Er lachte rauh in sich hinein. »Komm, rück deinen Stuhl näher. Es tut gut, sich wieder einmal mit einem ehrlichen Mann zu unterhalten.«
    Der Graf von Utanyeat gehorchte seinem König und schob seinen Stuhl nach vorn, bis ihn weniger als eine Elle von der vergilbten Masse des Drachenbeinthrons trennte. Er vermied es beharrlich, das Schwert anzusehen, das in seiner schwarzen Scheide an der Seite des Königs hing.
    »Ich weiß nicht, was Ihr mit ›unschuldig‹ meint, Elias«, antwortete er und verfluchte innerlich die Steifheit, die er aus seiner eigenen Stimme heraushörte. »Gott weiß, dass wir beide zu unserer Zeitim Tempel der Sünde recht fleißig geopfert haben. Wenn Ihr jedoch meint, dass ich unschuldig jeden Verrates an meinem König und Freund bin, dann nehme ich das Wort mit Freuden an.« Er hoffte, dass er überzeugter klang, als ihm zumute war. Neuerdings bekam er beim bloßen Wort »Verrat« Herzflattern, und die faulenden Früchte, die in der Ferne am Galgen hingen, waren nur einer der Gründe dafür.
    Elias schien Guthwulfs Missbehagen nicht zu bemerken. »Nein, alter Freund, nein. Ich meinte es freundlich.« Er nahm wieder einen Schluck von der dunklen Flüssigkeit. »Es gibt nur noch so wenige, denen ich vertrauen kann. Ich habe tausend und abertausend Feinde.« Die Züge des Königs verdüsterten sich, was seine Blässe und die Furchen der Müdigkeit und Anspannung nur noch unterstrich. »Du weißt, dass Pryrates nach Nabban gereist ist«, fuhr er nach einer Weile fort. »Du kannst offen sprechen.«
    In Guthwulf blitzte ein jäher Hoffnungsfunken auf. »Verdächtigt Ihr Pryrates, ein Verräter zu sein, Herr?«
    Der Funke wurde sofort erstickt.
    »Nein, Guthwulf. Du missverstehst mich. Ich wollte nur sagen, dass ich weiß, du fühlst dich in Gegenwart des Priesters nicht wohl. Das nimmt mich nicht wunder; auch ich habe früher seine Anwesenheit nicht als angenehm empfunden. Aber ich bin ein anderer Mensch geworden!« Der König lachte sonderbar und rief dann lauter: »Hängfisch! Bring mir mehr von dem Trank, und beeil dich, verdammter Kerl!«
    Aus dem Nebenraum erschien der neue Mundschenk des Königs, in der Hand einen fast überschwappenden Krug. Guthwulf warf ihm einen unfreundlichen Blick zu. Er war nicht nur fest davon überzeugt, dass der glotzäugige Bruder Hengfisk zu Pryrates’ Spitzeln gehörte, sondern auch davon, dass mit dem Mann irgendetwas ernstlich nicht in Ordnung war. Das Gesicht des Mönchs schien für alle Zeiten zu einem idiotischen Grinsen erstarrt, als platze er innerlich vor Lachen über einen großartigen Witz, den er jedoch nicht verraten durfte. Der Graf von Utanyeat hatte ihn einmal im Korridor anzusprechen versucht, aber Hengfisk hatte ihn nur wortlos angestarrt und dabei so breit gegrinst, als würde sichsein Gesicht gleich in zwei Hälften teilen. Jeden anderen Dienstboten als den Mundschenk des Königs hätte Guthwulf für so viel Unverschämtheit niedergeschlagen, aber heutzutage wusste niemand mehr, worüber sich Elias aufregen würde. Außerdem war der schwachsinnige Mönch äußerlich ungewöhnlich abstoßend; seine Haut wirkte fast roh, so als sei die oberste Schicht verbrannt gewesen und hätte sich dann abgeschält. Guthwulf hatte es nicht eilig, ihn anzufassen.
    Als Hengfisk die dunkle Flüssigkeit in den königlichen Pokal goss, spritzten ihm ein paar rauchende Tropfen auf die

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