Der Blumenkrieg
in der nächsten Woche aber schon nicht mehr. Doch die Sache ist noch weitaus komplizierter, weil es weder für das Ausmaß der Verschiebungen noch für die zeitlichen Abstände, in denen sie erfolgen, klare Regeln gibt. Den einen Tag kann man von Efeurund nicht in das Feld Pforteiche gelangen oder von Groß-Eberesche nach Weißdornstich. Den nächsten Tag dann sind die Wege von Eiche nach Efeu wieder frei, aber Eberesche und Weißdorn bleiben weiter getrennt.
Ich unternahm nur wenige Fahrten aus der Stadt hinaus, so daß ich von diesen Vorgängen nicht viel am eigenen Leib erlebte – einen denkwürdigen Fall allerdings werde ich später beschreiben. Aber ich habe öfter in genau der gleichen Weise darüber reden hören, wie Leute in meiner Welt vielleicht über das Wetter reden und sich nicht bemüßigt fühlen zu erklären, warum man an einem Regentag einen Schirm mitnehmen sollte, weil sie davon ausgehen, daß jeder normale erwachsene Mensch das weiß. So hätte zum Beispiel ein Bekannter von mir sagen können: »Erle ist dieses Jahr weit weg, aber wunderschön in dieser Jahreszeit. Ich finde, wir sollten eine Reisegruppe zusammenstellen und einen Ausflug dorthin unternehmen. In ein paar Tagen könnten wir da sein.« Zu einem anderen Zeitpunkt hätte dieselbe Person vielleicht erzählt: »Ich war gestern abend in Erlenspitz …«
Theo fühlte ein Kitzeln am Hals und erstarrte, weil er dachte, es wäre wieder die haarige Schnauze des Ziegenmannes.
»Der Hohlrücken ist nirgends zu sehen«, sagte Apfelgriebs ihm ins Ohr.
Er bemühte sich, leise zu sprechen. »Er ist nicht im Zug?« Als der Zug aus dem Schattenhofer Bahnhof gefahren war, hatte Theo zu seiner unendlichen Erleichterung zwei der schneckenhäutigen Hohlrücken in einer dichten Menge auf dem Bahnsteig stehen sehen, doch da der Verbleib des dritten ungeklärt war, hatte Apfelgriebs die anderen Wagen durchsucht.
»Er ist nirgends zu sehen, was nicht ganz dasselbe ist. Der Zug ist ziemlich voll, und er könnte auf dem Lokus gewesen sein oder sonstwo. Ich hoffe, du hast nicht von mir erwartet, daß ich mir Einlaß in jede einzelne Toilette in dem vermaledeiten Zug verschaffe.«
»Nein. Und was machen wir jetzt?«
»Erst mal leiser reden. Ich stehe direkt neben deiner Kinnlade, schon gemerkt? Ich kann dich hören, selbst wenn du ganz leise flüsterst, aber die meisten anderen Leute nicht. Was wir jetzt machen? Weiter Richtung Stadt fahren, würde ich sagen. Ich werde dich zu diesen Leuten bringen, die dich sehen wollen, und dann kehre ich wieder heim zu meinen Alten und meinen Geschwistern.«
»Solltest du nicht … jemand aus deiner Familie anrufen? Bescheid sagen, wo du bist?«
»Nö, ich bin schon groß. Aber dabei fällt mir ein, wir müssen Rainfarn darüber informieren, was geschehen ist.«
»Wie denn?«
»Er hat dir doch die Sprechmuschel gegeben.«
»Richtig. Wir nennen so was ein Telefon.«
»Aha. Jedenfalls muß er Bescheid wissen. Zum allermindesten sollten die Chrysanthemen erfahren, daß einer von ihrer Sippe getötet wurde.«
»Soll ich vielleicht von hier aus anrufen?« Theo blickte sich um. Der Kornbock war wieder in ein mürrisches Schweigen verfallen, kratzte sich mit einer schmutzigen Hufhand am Kopf und schoß dabei giftige Blicke auf den Elf ab, der eingegriffen hatte. Es saßen vielleicht noch zweihundert andere Lebewesen in dem Wagen, und ganz wenige davon sahen auch nur entfernt menschenähnlich aus. Einige hatten Ohren wie Fledermäuse, und es war nicht auszuschließen, daß sie jedes Wort mithörten, das er und Apfelgriebs wechselten.
»Hm, da hast du ausnahmsweise mal recht. Wann kommt der nächste Bahnhof?« Sie blickte auf. »Bis nach Sternenlicht ist es noch lange hin, also wahrscheinlich wird dir niemand den Platz wegnehmen, wenn du aufstehst und auf den Lokus gehst.«
»Gute Idee. Gehen wir.«
Die Toilette war am anderen Ende des Wagens. Theo verlor mehrmals das Gleichgewicht und mußte sich einmal an einer vermeintlichen Rückenlehne festhalten, die sich als hochgezogener Nackenschild eines eidechsenartigen Wesens herausstellte, als sein Besitzer ihn ärgerlich anknurrte.
»Vielleicht hätten wir uns in die Zweite Klasse schmuggeln sollen, statt uns mit der Dritten zu begnügen«, wisperte Apfelgriebs, während Theo mit wortreichen Entschuldigungen das Weite suchte. »Wie’s aussieht, lassen sie heutzutage jeden im Zug mitfahren.«
Er machte die Tür zur Toilette auf, die außer einer sehr niedrigen und
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