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Der Bund des Raben 03 - Kind der Dunkelheit

Titel: Der Bund des Raben 03 - Kind der Dunkelheit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: James Barclay
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Energie in die Mana-Gestalt, bis sie sich stabilisierte. Erst dann richtete sie die Aufmerksamkeit auf ihre Schwester.
    »Ich bin da, Myra«, sagte sie.
    »Ich dachte schon, du kommst nie hier an«, antwortete Myriell.
    »Geh und schlaf jetzt.«
    »Sei vorsichtig, Ephy. Es wird immer schwieriger.«
    »Ich weiß, Myra«, sagte Ephemere. »Ich weiß.«

    »Ich liebe dich, Ephy«, sagte Myriell, als sie sich zu lösen begann.
    »Ich liebe dich auch«, sagte Ephemere.
    Damit war Myriell fort, und Ephemere war mit Lyanna allein. Ihr Herz schlug vor Sorge schneller, und sie war einen Moment lang außer Atem. Unter der empfindlichen Abschirmung schrie Lyanna vor Schmerzen auf, ihre Gedanken waren wirr, und sie hatte Angst.
    Ephemere mochte sich einsam fühlen, doch für Lyanna war es noch viel, viel schlimmer. So ein kleines Kind war sie noch, und nicht nur von ihrer Mutter getrennt, sondern auch von der äußeren Welt abgeschnitten. Sie lebte jetzt in der dunkelsten Nacht, wo das ungesteuerte Mana unablässig auf ihr zerbrechliches Bewusstsein einstürmte.
    Lyannas Bewusstsein war wie ein Magnet; sie zog die magische Essenz in ungeheurer Menge an, konnte sie aber nicht formen und verstand nicht einmal, was sie entfesselte. Während sie in ihrer Nacht dahindämmerte, experimentierte ihr Geist und versuchte die Kräfte zu kontrollieren, nach denen er sich sehnte. Willkürliche Mana-Formen wuchsen mit immer stärkerer Kraft heran, weil es noch keine Kontrolle gab. Lyanna musste lernen, wenn sie überleben wollte.
    Für Ephemere und die Al-Drechar kam es allein darauf an, sie vor dem zu beschützen, was sie noch nicht kontrollieren oder steuern konnte. Zusammenbrechende Mana-Formen stellten eine große Gefahr dar und mussten, wenn sie sich auflösten, von den Stellen zurückgehalten werden, an denen sie Schaden anrichten konnten, und man musste ihnen ein Ventil geben. Das bedeutete, dass die Al-Drechar die halb geformten magischen Ausbrüche abfangen mussten wie eine Serie harter Schläge.
Jeder Schlag kostete sie ein wenig Kraft. Wenn jedoch eine voll ausgeformte Gestalt entstand, dann musste sie in die Freiheit entlassen werden, obwohl dies in Balaia und inzwischen auch in Ornouth große Zerstörungen nach sich zog. Doch das musste man aushalten. Damit der Eine Weg nicht unterging, musste man es aushalten.
    Ephemere weinte. So ging es ihr zu Beginn jeder Schicht. Sie spürte Lyannas Stöhnen auch im Mana – die einzige menschliche Emotion, die man in dem Tumult der Elemente überhaupt erkennen konnte. Antworten konnte sie nicht, sie konnte nicht die Arme um ein Wesen legen, das nicht da war und das man nicht trösten konnte.
    Sie konnte nur die gefährliche magische Energie ableiten, die Lyanna auf den Plan rief. Und jedes Mal, wenn ein magischer Schlag ihren Schild traf, wurde sie etwas schwächer, doch mit jedem Atemzug wuchs auch ihre Entschlossenheit.
    Dies alles war jedoch nicht der Grund dafür, dass sie weinte.
    Sie musste alles ertragen, was das Nachtkind auf sie losließ, doch ihre Tränen weinte sie, weil sie nicht wusste, ob Erienne rechtzeitig zurückkehren würde.
    Wenn Erienne nicht kam, dann war die Welt schon so gut wie tot, dann wären alle ihre Mühen umsonst gewesen.
     
    Erienne war einen Moment lang verwirrt und weigerte sich zu glauben, was ihre Augen sahen. Selik hatte zwar durchblicken lassen, dass ihm Magier halfen, doch selbst in ihren schlimmsten Albträumen wäre Erienne nie darauf verfallen, in diesem Moment den Mann vor sich zu sehen, der gerade ihre Kabine betrat. Sie schüttelte den
Kopf und schauderte, als ihr bewusst wurde, was dies zu bedeuten hatte. Es war nicht etwa irgendein abtrünniger dordovanischer Magier, sondern der Hohe Sekretär des Kollegs. Ein Mann, der großen Respekt genoss und über die Ethik ihres Kollegs wachen sollte. Ein Mann, den sie schon ihr Leben lang kannte und von dem sie geglaubt hatte, sie könne ihm vertrauen.
    »Erienne, bitte urteilt nicht vorschnell über mich.«
    Ihr wurde übel, als sie Berians Worte hörte. Sie war froh, dass sie saß, sonst wäre sie gestürzt. Ihre Gefühle und Gedanken überschlugen sich. Sie wusste nicht, wie sie reagieren und was sie sagen sollte. Sie wusste nur, dass sie in Berians Gegenwart Abscheu empfand. Die Größenordnung seines Verrats war kaum zu fassen. Sie schwankte und wandte den Kopf ab.
    »Sprecht nicht mit mir.« Ihr Mund schmeckte nach bitterer Galle. »Ich will Euch nicht einmal ansehen, Ihr widert ich

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