Der Dieb der Finsternis
Belegschaft großzügige Trinkgelder gegeben, damit sichergestellt war, dass man sie nicht störte. KC bezweifelte, dass Iblis ins Restaurant kam, aber wenn doch, war er hinterher so klug wie zuvor.
Sie schätzten, dass ihnen zwei Stunden Zeit blieb.
Vor ihnen hob sich das Begrüßungstor gewaltig und imposant vor dem Nachthimmel ab. Unter dem bogenförmigen Eingang standen zwei Wachmänner vor einer hohen schwarzen Tür und unterhielten sich leise.
Michael zog einen Plan des Palastgeländes aus der Gesäßtasche und breitete ihn vor ihnen auf dem Rasen aus. KC reichte ihm eine Stiftleuchte, deren rote Linse verhinderte, dass das Licht streute, als Michael es auf die Karte richtete. Beide ließen wortlos ihre Blicke darüber schweifen und behielten dabei die Wachmänner im Auge. Am linken Außenrand befanden sich die Festungsmauer, die den Palast umschloss, sowie das Archäologische Museum, das im Schatten dichter Laubbäume und angrenzender Gebäude stand.
Michael hob zwei Finger, deutete damit zuerst auf KC, dann auf seine Augen und schließlich auf die Wachmänner, damit KC wusste, worauf sie ihren Blick konzentrieren sollte. Während Michael unablässig darauf achtete, dass sich in ihrem Umfeld nichts regte, bewegten sie sich zwischen den Bäumen vorsichtig auf die äußerste Ecke des Zypressenhains zu, ohne ein Wort zu reden.
Sie spurteten über das offene Gelände und kamen vor der inneren Mauer zum Stehen, die den eigentlichen Palast umgab. Die Mauer bestand aus Stein und Ziegeln und war somit für jeden Felskletterer eine Herausforderung.
»Das pack ich«, sagte KC und blickte den fast zehn Meter hohen Wall hinauf.
Michael schüttelte den Kopf, grub seine Finger in die Mörtelfugen und kletterte los, bevor KC reagieren konnte. Seine Hände und Fingerknöchel brannten, als er die Ziegelwand erklomm, und seine Fingerspitzen fanden nur gefährlich knappen Halt in den gerade einen Zentimeter breiten Fugen, die immer mehr an Tiefe verloren, je höher er kam. Das Licht warf wechselnde Schatten auf die Mauer, sodass Michael gezwungen war, ständig seine Position zu ändern, um nicht entdeckt zu werden.
Nach einer Minute hatte er die Mauerkrone erreicht, nahm eines der beiden Seile von der Schulter, befestigte es an einem Abflussrohr und ließ das Seilende nach unten fallen, wo KC es mit ausgestreckter Hand auffing. Sie hangelte sich so schnell daran empor, dass sie bereits zehn Sekunden später an seiner Seite saß.
Dank Simons Notizen und ihrer Erkundungstour am Morgen wusste Michael, dass es im Topkapi-Palast nur an den Stellen, die der Öffentlichkeit zugänglich waren und an denen wertvolle Gegenstände aufbewahrt wurden, Hightech-Sicherheitsanlagen gab, während der Weg, den sie jetzt nahmen, und das Ziel dieses Weges niemanden großartig interessierte.
»Nett hier oben«, wisperte Michael und sah sich um. Unter ihnen dehnte sich das Palastgelände aus. Der Mond tauchte das Osmanische Refugium in blassblauen Glanz. Der Palast war gewaltig und bestand aus einer unüberschaubaren Anzahl von Gebäuden verschiedenster Größe, in die sowohl das architektonische Erbe des Ostens als auch das des Westens eingeflossen war: Gewölbe wie im Mittleren Osten, Türme wie in Europa, Dächer wie in Asien – ein Spiegelbild der abwechslungsreichen kulturellen Vergangenheit Istanbuls.
Michael zeigte über den zweiten Hof hinweg auf den dritten Innenhof. »Sieh mal.«
KC kniff die Augen zusammen, bis ihr Blick auf die vielen orangefarbenen Kegel fiel, die um ein dunkles Loch herum standen, das sich neben der Bibliothek Ahmed III. befand, einem Marmorbau im dritten Hof.
»Als wir heute Vormittag aus der Schatzkammer gekommen sind, habe ich die Bauhütchen um das Loch herum gesehen.« Michael zog ein Blatt Papier hervor, auf dem eine moderne elektrische Schaltanlage zu sehen war, und breitete es auf dem Mauerrand aus. »Das hier lag bei Simons Unterlagen. Es zeigt, wo überall gegraben wird, um neue Leitungen zu legen. Nur haben sie sich bei der vielen Graberei verbuddelt, sodass da drüben jetzt das Loch ist, das sie abstützen und anschließend zuschütten müssen.«
»Und?«
Michael zog eine weitere Karte hervor, auf der zwei der Geheimgänge zu sehen waren, die einst von den Eunuchen erbaut worden waren. »Hättest du Lust, dir unter der Erde mal ein bisschen was anzuschauen?« Er faltete die Papiere zusammen und steckte sie zurück in die Hosentasche. »Lass uns einen Spaziergang machen.« Er stand auf, warf
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