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Der Dieb der Finsternis

Der Dieb der Finsternis

Titel: Der Dieb der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Doetsch
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ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht und im Grunde nichts anderes waren als arrogante Dolmetscher der Juristensprache. Jedes Mal, wenn er in der Vergangenheit einen Anwalt ermordet hatte, hatte er der Welt einen Dienst erwiesen.
    Er war sich zwar nicht hundertprozentig sicher, was den dunkelhaarigen Mann betraf, doch er schien ein guter Freund von KC zu sein – was ihn nachdenklich stimmte und ihm ein Gefühl bescherte, das er noch nie empfunden hatte: Eifersucht. Und sie wuchs mit jeder Sekunde.
    Dann griff der Amerikaner plötzlich nach KCs Arm, rügte sie wegen irgendetwas und schob sie ins Mikla Iki. Als sie aus seinem Blickwinkel verschwanden, spürte Iblis, wie seine Eifersucht ihren Höhepunkt erreichte. Rasende Wut überkam ihn, als hätte KCs Begleiter ihn persönlich angegriffen.
    Iblis prägte sich das Gesicht des Mannes genau ein. Er war nicht nur wütend auf ihn, weil er KC angefasst hatte; er misstraute ihm auch. Er wusste nicht, wer der Kerl war oder wie nahe er und KC einander standen, aber das würde er schon noch herausfinden. In seinem Metier musste man jeden und alles kennen, denn die größte Gefahr lauerte immer da, wo man sie am wenigsten erwartete.
    Ein gut gekleideter Angestellter des Mikla Iki näherte sich KCs Chauffeur. Der Mann war höchstens fünfundzwanzig Jahre alt und nahm sich furchtbar wichtig. Niemand parkte unerlaubt vor dem Restaurant, solange er im Dienst war. Iblis sah die Körpersprache der beiden starrköpfigen Männer, die verriet, dass ihre Unterhaltung zunehmend zum offenen Streit eskalierte. Der blonde, hünenhafte Chauffeur baute sich drohend vor dem schmächtigen Türken auf. Sie zeigten mit den Fingern aufeinander, und ihr Gebrüll übertönte den Lärm der Nacht. Schließlich ging der Amerikaner zu seinem Wagen zurück, stieg widerwillig ein, streckte den Mittelfinger himmelwärts aus dem Fenster und fuhr davon.
    Iblis überlegte einen Moment, ob er dem Mann folgen sollte, entschied sich dann aber, zu bleiben, wo er war, bis KC wieder aus dem Restaurant kam. Obwohl KC auf ihrem Gebiet ein Ass war, war sie nicht so vermessen, den Versuch zu machen, nach weniger als achtstündiger Vorbereitungszeit die Karte oder den Stab zu stehlen. Sie würde alles planen und nichts dem Zufall überlassen – so, wie er es ihr beigebracht hatte.
    KC hatte keine Ahnung, was ihr bevorstand.

20.
    M ichael und KC lagen auf dem Bauch, Kopf an Kopf auf der Brüstung der über drei Meter hohen Granitmauer, die sich um das Außengelände des Topkapi-Palasts wand. Beide spitzten die Ohren und schauten sich um. Die Mauer war wie eine Trennungslinie zwischen zwei Welten: Die eine war voller Leben, voller Straßenverkäufer und Menschen, die zum Abendessen gingen, die andere war eine stille Welt wie aus vergangenen Zeiten, besinnlich, friedlich und der späten Stunde wegen menschenleer.
    Michael und KC schwangen sich geübt von der Mauer und landeten lautlos und wie ein eingespieltes Team auf dem Rasen des Janitscharenhofes. Michael ließ den Blick über das Gelände schweifen und stellte fest, dass die meisten Wachen sich vor dem versperrten Großherrlichen Tor aufhielten, das ungefähr fünfzehn Meter entfernt war. Nur zwei Wachmänner gingen Streife. Die beiden waren so in ihre Unterhaltung vertieft, dass sie nicht mitbekamen, wie Michael und KC in den Schatten hinter einem antiken Versorgungsgebäude huschten.
    Sie hielten sich in der Dunkelheit und arbeiteten sich weiter vor, vorbei an der Hagia Eirene und der Kaiserlichen Münze, an zahlreichen Backsteinbauten und Versorgungsgebäuden. Dabei waren sie die ganze Zeit in Alarmbereitschaft. Schließlich verharrten sie im Schutz eines Zypressenhains und legten sich flach auf den Boden, sodass ihre dunkle Kleidung mit der Umgebung verschmolz. KC hatte ihr Haar hochgebunden und unter einer dunklen Mütze versteckt, um ihre lange blonde Mähne zu verbergen. Michael trug zwei Rollen Seil über der Schulter. An seinem Gürtel war eine wasserdichte Tasche befestigt.
    Sie waren ins Restaurant Mikla Iki hinein und durch die Hintertür gleich wieder nach draußen gelaufen, wo Busch sie erwartet hatte. Die tausend Dollar Trinkgeld, die sie dem Oberkellner gegeben hatten, garantierten ihnen nicht nur Intimsphäre, sondern zusätzlich ein Alibi. Sie hatten Iblis zwar nicht gesehen, waren aber überzeugt, dass er oder seine Männer das Restaurant bewachten. Sie hatten für das private Separée den doppelten Preis gezahlt und der gesamten

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