Der Dieb der Finsternis
KC schwamm gegen die leichte Strömung an und benutzte ihre freie Hand, um sich durch die glitschige Röhre hindurchzuschieben. Eh sie sich versah, war sie auf der anderen Seite und tauchte in einem kleineren Raum auf, einem Vorraum der Zisterne, in dem ihr das Wasser bis zu den Schultern reichte.
Doch auch hier gab es keine Spur von Michael.
»Michael«, flüsterte KC, als hätte sie Angst, die Ruhe der Toten zu stören oder als könne jemand sie hören. Sie leuchtete mit ihrer Lampe auf einen etwa neunzig Zentimeter breiten Gehweg, der dreißig Zentimeter über der Wasseroberfläche um den gesamten Raum herumführte. Dann griff sie nach dem Rand und zog sich aus dem Wasser. Obwohl die Luft kühl war, war sie wesentlich besser zu ertragen als die Kälte des Wassers, die KC allmählich in die Knochen kroch. Sie hielt den Strahl der Taschenlampe auf den Gehweg gerichtet und stellte fest, dass er vollständig trocken war; Michael war also nicht aus dem Wasser gestiegen.
KC hatte sich gerade erst erhoben, als Michael plötzlich auf der anderen Seite des Raumes aus dem Wasser stieß und keuchend nach Luft schnappte.
»Sag mal, was treibst du eigentlich?«, fragte KC mit einer Mischung aus Zorn und Erleichterung.
Michael blickte sie verwirrt an. »Da ist noch ein zweites Rohr, etwa zwölf Meter lang. Es führt in einen anderen Raum. Ich habe es mir genauer angesehen.«
»Mach so was nicht noch mal«, rief KC wütend.
»Hast du dir Sorgen um mich gemacht?« Michael musste grinsen.
»Was meinst du wohl?«
»Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.« Michael schwamm zum Rand und zog sich aus dem Wasser.
»Hast du wenigstens etwas gefunden?«, fragte KC.
»Soviel ich sehen konnte, verläuft dieser Weg um den ganzen Raum herum.« Michael wies auf die Wand am anderen Ende. »Da drüben gibt es einen alten Türeingang. Davor sind drei Treppenstufen, die nach oben führen. Dahinter muss das versiegelte Treppenhaus sein, das in den Harem führte. Auf der anderen Seite der Wand ist ein weiterer Vorraum. Er sieht aus wie der Kontrollraum der Zisterne. Da gibt es einen Schacht, der nach oben in das Türkische Bad im Harem führt, das wir heute besichtigt haben.« Michael hielt ihr das Fünfundzwanzig-Cent-Stück entgegen, das sie am Morgen in den Abfluss geworfen hatte, und wies auf die Wand zu seiner Linken. »Wir wissen, dass der Weg, durch den wir in die Zisterne hineingekommen sind, hinter dieser dritten Wand liegt …«
KC erhob sich, ging zur vierten Wand und strich mit den Händen darüber.
»Das ist die einzige Wand, hinter der sich nichts befindet«, sagte Michael, ging zu ihr und stellte sich neben sie. »Schau dir den Gehweg an.«
KC sah nach unten. Ihr Blick folgte dem Weg, der um den ganzen Raum herumführte. »Und?«
»An dieser Stelle hier ist er fünfzehn Zentimeter schmaler.« Michael zeigte darauf, hockte sich hin und klopfte die Wand ab. »Diese Wand ist viel später gebaut worden als der Weg.«
»Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Kapelle sich hinter dieser Wand befindet.«
»Ich weiß. Aber ich glaube, dass dieses Symbol darauf hindeutet.« Michael wies auf mehrere antike Zeichen, die an der Wand neben ihm in die Ecke gemeißelt waren. Sie waren klein und primitiv, und auf den ersten Blick sahen die Schleifen und Buchstaben nicht viel anders aus als die Zeichen eines Steinmetzen.
Michael zog eine Fotokopie des Briefes hervor, den KC von Venue gestohlen hatte, und hielt ihn hoch. Obwohl das Blatt nass geworden war und die Tinte verlief, war deutlich zu erkennen, dass das Symbol in der oberen rechten Ecke der Wand mit dem auf dem Brief übereinstimmte.
»Das ist das Siegel des Großwesirs Sokollu Mehmet. Simon hat ›Die Söhne Abrahams‹ darunter geschrieben. Der Großwesir war ein weiser Mann, der die unterschiedlichen Glaubensauffassungen gleichgestellt hat. Drei Weltreligionen – Judentum, Christentum und Islam – vereinigt unter einem Gott und einem gemeinsamen Propheten, Abraham.« Michael lief zurück zur anderen Seite des Vorraums der Zisterne, blieb stehen und ließ die Wand und den gesamten Raum noch einmal auf sich wirken. Dann konzentrierte er sich auf das Mauerwerk vor ihm. »Ich bin sicher, dass die Kapelle sich hinter dieser Wand befindet.«
»Na toll.« KC seufzte und schaute sich die Steine, den Mörtel und die Dicke des Hindernisses an. »Und wie sollen wir durch diese Wand kommen?«
»Mach dir keine Sorgen. Wir haben gefunden, weshalb wir
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