Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
eine Pause. Dann:
»Gott sei uns gnädig, wir haben seitdem nichts als gearbeitet. Und Gott verzeih uns, die meisten von uns sind dabei glücklich gewesen. Weil Talent sich nach nichts anderem sehnt, als gebraucht zu werden.«
9
Ted erzählt ihnen von seinen ersten paar Schichten im Studiersaal und seiner Erkenntnis – zu der er nicht allmählich, sondern fast augenblicklich gelangte –, dass sie nicht hier waren, um Spione zu enttarnen oder die Gedanken russischer Wissenschaftler zu lesen »oder zu sonstigem Raumfahrt-Blödsinn«, wie Dinky sagen würde (nicht dass Dinky im Gegensatz zu Sheemie von Anfang an da gewesen wäre). Nein, ihre Arbeit besteht daraus, etwas zu zerbrechen. Das kann er spüren, nicht nur am Himmel über dem Algul Siento, sondern überall um sie herum, sogar unter ihren Sohlen.
Trotzdem ist er eigentlich zufrieden. Das Essen ist gut, und obwohl sein Sexualtrieb sich im Lauf der Jahre ziemlich abgeschwächt hat, hat er nichts gegen einen gelegentlichen Fick, wobei er sich allerdings jedes Mal daran erinnert, dass Simulatorsex eigentlich nichts anderes ist als maschinenunterstützte Masturbation. Andererseits ist er im Lauf der Jahre gelegentlich zu einem Fick zu einer Nutte gegangen, wie’s viele Männer auf Wanderschaft tun, und könnte bestätigen, dass auch diese Art Sex sich nicht allzu sehr von Masturbation unterscheidet; man rackert sich ab, dass einem der Schweiß runterläuft, und sie gurrt dabei »Baby-Baby-Baby«, während sie sich in Wirklichkeit fragt, ob sie nicht bald mal wieder tanken müsste, und sich zu erinnern versucht, an welchem Tag es bei Red & White für alle Artikel doppelt Rabattmarken gibt. Wie bei den meisten Dingen im Leben muss man seine Phantasie benutzen, und das kann Ted, er versteht sich auf die gute alte Visualisierungstechnik, verbindlichsten Dank. Ihm gefällt das Dach über dem Kopf, ihm gefällt die Gesellschaft der anderen … Die Wachen sind Wachen, das schon, aber er glaubt ihnen, wenn sie sagen, dass es ebenso ihr Job ist, zu verhindern, dass böses Zeug von draußen reinkommt, wie sie dafür sorgen müssen, dass die Brecher nicht abhauen. Er mag auch die Insassen und merkt nach ein, zwei Jahren, dass die Insassen ihn auf irgendeine seltsame Weise brauchen. Er kann sie trösten, wenn sie Depressionen haben; er kann ihr in krampfartigen Wellen auftretendes Heimweh mildern, indem er ungefähr eine Stunde lang leise murmelnd mit ihnen spricht. Und das ist bestimmt eine gute Sache. Vielleicht ist alles eine gute Sache – es fühlt sich jedenfalls wie eine gute Sache an. Heimweh zu haben ist menschlich, aber zu brechen, ist göttlich. Er versucht, das Roland und seinem Tet zu erklären, aber er findet keinen besseren Vergleich als den, dass es so ist, als könnte man sich endlich an der bisher unerreichbaren Stelle am Rücken kratzen, die einen mit einem schwachen, aber hartnäckigen Jucken fast zum Wahnsinn getrieben hat. Er geht gern in den Studiersaal, und das tun auch alle anderen. Ihm gefällt es, dort zu sitzen, den Geruch von gutem Holz und gutem Leder in der Nase zu haben, zu suchen … zu suchen … und dann plötzlich: Aahhh! Man hat’s geschafft. Man ist drin, schaukelt wie ein Affe an einem Ast. Man bricht, Baby, und brechen ist göttlich.
Dinky hatte einmal gesagt, der Studiersaal sei der einzige Ort auf der Welt, an dem er wirklich das Gefühl habe, mit dem eigenen Ich in Verbindung zu stehen. Und deshalb wolle er unbedingt, dass der Studiersaal geschlossen werde. Nach Möglichkeit niedergebrannt. »Weil ich weiß, welchen Scheiß ich anstelle, wenn ich mit mir selbst Fühlung habe«, erzählte er Ted. »Wenn ich, du weißt schon, echt gut drauf bin.« Und Ted wusste genau, was er meinte. Weil der Studiersaal immer zu gut war, um wahr zu sein. Man setzte sich hin, blätterte vielleicht in einer Zeitschrift, sah sich Bilder von Fotomodellen und Margarine, Filmstars und flotten Flitzern an und fühlte, wie sich sein Geist erhob. Der Balken umgab einen auf allen Seiten, er glich einem gewaltigen korridorartigen Kraftfeld, aber jedermanns Gedanken stiegen immer zum Dach auf, und sobald sie dort angelangt waren, glitten sie wie von selbst ins gewohnte alte Gleis.
Einst, als die Prim zurückwich und Gans Stimme noch durch die Räume des Makroversums hallte, waren die Balken wohl glatt und poliert, aber diese Zeiten sind vorbei. Jetzt ist der Weg des Bären und der Schildkröte uneben und erodiert, voller Einkerbungen und
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