Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
und anderswo auch nicht. Nicht, wenn dir etwas an mir liegt.«
Cuthbert gab die Haltung unverzüglich auf und kam eilig zu der Stelle gelaufen, wo Roland zu Pferde saß. Er sah aufrichtig zerknirscht aus.
»Roland – Will – es tut mir Leid.«
Roland schlug ihm auf die Schulter. »Nichts passiert. Vergiss es nur von jetzt an nicht. Mejis mag am Ende der Welt liegen… aber es ist eben Teil der Welt. Wo ist Alain?«
»Du meinst Dick? Was glaubst du denn?« Cuthbert zeigte über die Lichtung, wo ein dunkler Umriss entweder schnarchte oder gerade langsam am Ersticken war.
»Der«, sagte Cuthbert, »würde glatt ein Erdbeben verschlafen.«
»Aber du hast mich kommen hören und bist aufgewacht.«
»Ja«, sagte Cuthbert. Er sah Roland ins Gesicht und betrachtete es so durchdringend, dass es Roland ein wenig unbehaglich wurde. »Ist dir etwas geschehen? Du siehst verändert aus.«
»Wirklich?«
»Ja. Erregt. Irgendwie außer Atem.«
Wenn er Cuthbert von Susan erzählen wollte, wäre jetzt der geeignete Zeitpunkt. Er beschloss, ohne recht darüber nachzudenken (seine meisten Entscheidungen, gewiss aber die besten, traf er auf diese Weise), es ihm nicht zu erzählen. Wenn er sie im Haus des Bürgermeisters traf, würde es auch für Cuthbert und Alain das erste Mal sein. Was konnte es schaden?
»Ich bin auch außer Atem, das stimmt«, sagte er, stieg ab und bückte sich, um den Sattelgurt zu öffnen. »Und ich habe ein paar interessante Sachen gesehen.«
»Ach ja? Sprich, Gefährte des teuersten Bewohners meines Busens.«
»Ich werde lieber bis morgen warten, wenn jener winterschlafende Bär endlich erwacht ist. Dann muss ich es nur einmal erzählen. Außerdem bin ich müde. Aber eines kann ich dir sagen: Es gibt zu viele Pferde in dieser Gegend, selbst für eine Baronie, die für ihr Pferdefleisch berühmt ist. Viel zu viele.«
Bevor Cuthbert irgendwelche Fragen stellen konnte, zog Roland den Sattel von Rushers Rücken und legte ihn neben drei kleinen Weidenkörben ab, die mit Wildlederschnüren zusammengebunden waren, womit sie zu einem Behältnis wurden, das man auf den Rücken eines Pferdes schnallen konnte. Im Inneren gurrten drei Tauben mit weißen Ringen um den Hals verschlafen. Eine nahm den Kopf unter dem Flügel hervor und sah Roland an, dann steckte sie ihn wieder darunter.
»Mit diesen Burschen alles in Ordnung?«
»Bestens. Sie picken und scheißen fröhlich in ihr Stroh. Soweit es sie betrifft, haben sie erst mal Ferien. Was hast du gemeint mit…«
»Morgen«, sagte Roland, und Cuthbert, der merkte, dass er nichts mehr aus ihm herausbekommen würde, nickte nur und ging seinen sparsamen und knochigen Wachposten suchen.
Zwanzig Minuten später, als Rusher abgesattelt und abgerieben und mit Buckskin und Glue Boy zum Grasen geschickt worden war (Cuthbert konnte seinem Pferd nicht einmal einen Namen wie ein normaler Mensch geben), lag Roland in seinem entrollten Bettzeug auf dem Rücken und sah zu den Sternen hinauf. Cuthbert war so mühelos wieder eingeschlafen, wie er bei Rushers Hufschlag wach geworden war, aber Roland war noch nie in seinem Leben weniger zum Schlafen zumute gewesen als gerade jetzt.
In Gedanken sah er sich einen Monat zurückversetzt, in das Zimmer der Hure, wo sein Vater auf dem Bett der Hure saß und ihm zusah, wie er sich anzog. Die Worte, die sein Vater gesprochen hatte – Ich weiß es seit zwei Jahren –, hatten wie ein Gongschlag in Rolands Kopf gehallt. Er vermutete, dass das den Rest seines Lebens so bleiben würde.
Aber sein Vater hatte noch viel mehr zu sagen gehabt. Über Marten. Über Rolands Mutter, an der man – vielleicht – mehr gesündigt hatte, als sie selbst sündigte. Über Verwüster, die sich Patrioten nannten. Und über John Farson, der tatsächlich in Cressia gewesen war, mittlerweile diesen Ort aber wieder verlassen hatte – verschwunden, wie es seiner Art entsprach, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Vor seiner Weiterreise hatten er und seine Männer Indrie, die Hauptstadt der Baronie, praktisch bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Hunderte von Menschen waren abgeschlachtet worden, und es war vielleicht nicht überraschend, dass Cressia sich seitdem vom Bund abgewandt und sich für den Guten Mann erklärt hatte. Der Gouverneur der Baronie, der Bürgermeister von Indrie und der Hohe Sheriff hatten jenen Frühsommertag, der den Abschluss von Farsons Besuch bedeutete, damit beendet, dass ihre Köpfe an der Mauer über dem Stadttor
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