Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
fest. Und ihren Mund auf dem seinen. Es war ein Mund, der nur wenig vom Küssen verstand, wie er annahm, aber das war immerhin etwas mehr, als er selbst davon verstand.
Sei vorsichtig, Roland – lass nicht zu, dass deine Gefühle für dieses Mädchen dazu führen, dass sich die Dinge irgendwie überschlagen. Sie ist ohnehin nicht frei – so viel hat sie gesagt. Nicht verheiratet, aber auf andere Weise versprochen.
Roland war längst nicht das erbarmungslose Geschöpf, das er einmal werden sollte, aber der Keim dieser Erbarmungslosigkeit war bereits angelegt – kleine, steinerne Dinge, die im Lauf der Zeit zu Bäumen mit tiefen Wurzeln heranwachsen sollten… und mit bitteren Früchten. Nun platzte einer dieser Samen auf und ließ seine erste scharfe Klinge wachsen.
Was versprochen wurde, kann rückgängig gemacht werden, und was geschehen ist, kann ungeschehen gemacht werden. Nichts ist sicher, nur… Ich will sie.
Ja. Das wusste er mit Sicherheit, und er wusste es so sicher, wie er das Angesicht seines Vaters kannte: Er wollte sie. Nicht so, wie er die Hure gewollt hatte, als diese nackt und mit gespreizten Beinen auf dem Bett lag und mit ihren halb geschlossenen Augen zu ihm aufschaute, sondern auf eine Weise, wie er Essen wollte, wenn er hungrig war, oder Wasser, wenn ihn dürstete. In derselben Weise, vermutete er, wie er Martens staubigen Leichnam hinter seinem Pferd durch die Hauptstraße von Gilead schleifen wollte, um ihn dafür bezahlen zu lassen, was er Rolands Mutter angetan hatte.
Er wollte sie; er wollte das Mädchen Susan.
Roland drehte sich auf die andere Seite, schloss die Augen wieder und schlief ein. Sein Schlaf war unruhig und von den grobschlächtig poetischen Träumen heimgesucht, die nur heranwachsende Jungs hatten; Träume, in denen sexuelle Anziehung und romantische Liebe zusammenkamen und stärker widerhallten als jemals wieder im späteren Leben. In diesen durstigen Visionen legte Susan Delgado immer wieder ihre Hände auf Rolands Schultern, küsste ihn immer wieder auf den Mund, sagte ihm immer wieder, dass er zum ersten Mal zu ihr kommen, zum ersten Mal bei ihr sein sollte, dass er sie zum ersten Mal sehen sollte, sie sehr wohl ansehen solle.
2
Etwa fünf Meilen von der Stelle entfernt, wo Roland schlief und seine Träume träumte, lag Susan Delgado in ihrem Bett, schaute zum Fenster hinaus und sah, wie der Alte Stern langsam in der Dämmerung verblasste. Der Schlaf war jetzt ebenso fern wie zuvor, als sie sich hingelegt hatte, und sie spürte ein Pochen zwischen den Beinen, wo die alte Frau sie angefasst hatte. Es war eine Ablenkung, aber nicht mehr unangenehm, weil sie es nun mit dem Jungen in Verbindung brachte, den sie auf der Straße getroffen und im Licht der Sterne impulsiv geküsst hatte. Jedes Mal, wenn sie die Beine bewegte, wurde das Pochen zu einem kurzen, süßen Schmerz.
Als sie nach Hause gekommen war, hatte Tante Cord (die in einer gewöhnlichen Nacht schon eine Stunde zuvor zu Bett gegangen wäre) in ihrem Schaukelstuhl am – um diese Jahreszeit erloschenen und kalten und von Asche gereinigten – Kamin gesessen und ein Spitzendeckchen auf dem Schoß liegen gehabt, das auf ihrem altmodischen schwarzen Kleid wie Gischt wirkte. Sie klöppelte mit einer Geschwindigkeit, die Susan nahezu übernatürlich vorkam, und hatte nicht aufgeschaut, als die Tür aufging und ihre Nichte, gefolgt von einer Windbö, hereinkam.
»Ich hatte dich schon vor einer Stunde zurückerwartet«, sagte Tante Cord. Und dann, obwohl es sich nicht so anhörte: »Ich habe mir Sorgen gemacht.«
»Aye!«, sagte Susan, und dann nichts mehr. Sie dachte, in jeder anderen Nacht hätte sie eine ihrer zaghaften Entschuldigungen präsentiert, die selbst in ihren eigenen Augen stets verlogen anmuteten – eine Wirkung, die Tante Cord ihr ganzes Leben lang bei ihr erzielt hatte –, aber dies war keine gewöhnliche Nacht. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch keine solche Nacht erlebt. Sie stellte fest, dass sie Will Dearborn nicht vergessen konnte.
Da hatte Tante Cord aufgesehen, und ihre dicht beieinander stehenden Knopfaugen hatten stechend und fragend über der scharfen Klinge des Nasenrückens geblickt. Manches hatte sich nicht verändert, seit Susan zum Cöos aufgebrochen war; sie konnte den Blick ihrer Tante immer noch spüren, der über ihr Gesicht und ihren Leib strich wie winzige Bürsten mit scharfen Borsten.
»Was hat dich so lange aufgehalten?«, fragte Tante Cord. »Gab es
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