Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
ausgestellt wurden. Das war, wie Steven Deschain sich ausgedrückt hatte, »eine ziemlich überzeugende Politik«.
Es war wie bei einer Partie »Kastell«, bei der beide Armeen hinter ihren kleinen Hügeln hervorkamen und die letzten Züge begannen, hatte Rolands Vater gesagt, und wie es bei Volksaufständen häufig geschah, war dieses Spiel wahrscheinlich zu Ende, bevor irgendjemandem in den Inneren Baronien von Mittwelt richtig klar wurde, dass John Farson eine ernsthafte Bedrohung darstellte… oder man gehörte zu denen, die ernsthaft an seine Vision von Demokratie und dem Ende der, wie er es nannte, »Klassensklaverei und uralten Märchen« glaubte, und sah in ihm einen ernst zu nehmenden Verfechter von Veränderungen.
Seinem Vater und Vaters kleinem Ka-Tet von Revolvermännern, erfuhr Roland zu seinem Erstaunen, lag so oder so wenig an Farson; sie betrachteten ihn als kleinen Fisch. Was das anging, betrachteten sie auch den Bund als kleinen Fisch.
Ich werde dich fortschicken, hatte Steven gesagt, während er auf dem Bett saß und seinen einzigen Sohn, den, der überlebt hatte, ernst ansah. Es gibt keinen sicheren Ort mehr in Mittwelt, aber die Baronie Mejis am Reinen Meer ist so sicher, wie heutzutage ein Ort nur sein kann… Also wirst du dorthin gehen, zusammen mit mindestens zweien deiner Freunde. Alain, nehme ich an, wird einer darunter sein. Nur nicht dieser lachende Junge als anderen, ich flehe dich an. Du wärst mit einem bellenden Hund besser bedient.
Roland, der an jedem anderen Tag seines Lebens die Aussicht enthusiastisch begrüßt hätte, in die Welt hinaus geschickt zu werden, hatte energisch widersprochen. Wenn die letzten Schlachten gegen den Guten Mann geschlagen werden sollten, wollte er an der Seite seines Vaters kämpfen. Immerhin war er jetzt ein Revolvermann, wenn auch nur ein Lehrling, und…
Sein Vater hatte langsam und nachdrücklich den Kopf geschüttelt. Nein, Roland. Du verstehst nicht. Aber das wirst du; so gut es geht, das wirst du.
Später waren die beiden auf den hohen Zinnen über der letzten lebenden Stadt von Mittwelt spazieren gegangen – dem grünen und prachtvollen Gilead im Licht der Morgensonne, mit seinen flatternden Wimpeln und den Händlern auf den Straßen der Altstadt und Pferden, die auf den Reitwegen dahintrotteten, die strahlenförmig vom Palast wegführten, der im Zentrum von allem lag. Sein Vater hatte ihm mehr erzählt (nicht alles), und Roland hatte mehr verstanden (aber längst nicht alles – ebenso wenig wie sein Vater alles verstand). Der Dunkle Turm war dabei von keinem der beiden erwähnt worden, aber er beherrschte bereits Rolands Denken, eine Möglichkeit wie eine Sturmwolke, weit entfernt am Horizont.
Ging es bei alledem wirklich um den Turm? Nicht um einen plündernden Emporkömmling, der davon träumte, Mittwelt zu beherrschen, nicht um den Magier, der Rolands Mutter bezaubert hatte, nicht um die Glaskugel, die Steven und sein Trupp in Cressia zu finden gehofft hatten… sondern um den Dunklen Turm?
Er hatte nicht gefragt.
Er hatte nicht gewagt zu fragen.
Nun verschob er sein Bettzeug und schloss die Augen. Sofort sah er das Gesicht des Mädchens vor sich; er spürte wieder ihre Lippen, die fest auf die seinen gedrückt wurden, und roch den Duft ihrer Haut. Ihm wurde unverzüglich vom Scheitel bis zum Steißbein ganz heiß, aber gleichzeitig kalt vom Steißbein bis zu den Zehen. Dann dachte er daran, wie ihre Beine aufgeblitzt hatten, als sie von Rushers Rücken geglitten war (und an den Blick auf ihre Unterwäsche unter dem kurz hochgehobenen Kleid), und seine heiße und kalte Hälfte tauschten die Plätze.
Die Hure hatte ihm seine Jungfräulichkeit genommen, wollte ihn aber nicht küssen; sie hatte das Gesicht weggedreht, als er versucht hatte, sie zu küssen. Sie hatte ihn alles tun lassen, was er wollte, nur das nicht. Damals war er bitter enttäuscht gewesen. Nun war er froh darüber.
Mit dem inneren Auge seines halbwüchsigen Verstands, rastlos und klar zugleich, betrachtete er den Zopf, der auf ihrem Rücken bis zur Taille hinabhing, die sanften Grübchen, die sich an ihren Mundwinkeln bildeten, wenn sie lächelte, ihre musikalische Stimme, ihre altmodische Art, Ihr und Euer zu sagen, aye und Da’. Er dachte daran, wie sich ihre Hände auf seinen Schultern angefühlt hatten, als sie sich vorgereckt hatte, um ihn zu küssen, und dachte, er würde alles dafür geben, ihre Hände noch einmal dort zu spüren, so leicht und doch so
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