Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
allem eine Menge Geld. Eine große Menge für ein kleines Kaff wie dieses und kleine Leute wie sie. Und nun wurde die Auszahlung so weit hinausgeschoben…
Dann kam eine Sünde, um derentwillen Susan gebetet hatte (wenn auch ohne rechte Inbrunst), bevor sie ins Bett gegangen war: Sie hatte sich über den betrogenen, verzweifelten Gesichtsausdruck von Tante Cord gefreut – den Ausdruck eines Geizhalses, dem man einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte.
»Warum so lange!«, wiederholte sie.
»Ich nehme an, du könntest auf den Cöos gehen und die Hexe fragen.«
Cordelia Delgado hatte die ohnehin dünnen Lippen so fest zusammengepresst, dass sie beinahe verschwanden. »Bist du unverschämt, Miss? Bist du unverschämt zu mir?«
»Nein. Ich bin viel zu müde, um unverschämt zu jemandem zu sein. Ich möchte mich waschen – ich kann immer noch ihre Hände an mir spüren, das kann ich –, und ich will ins Bett.«
»Dann tu es. Vielleicht können wir uns morgen auf damenhaftere Weise darüber unterhalten. Und natürlich müssen wir zu Hart gehen.« Sie faltete das Papier zusammen, das Rhea Susan gegeben hatte, schien erfreut zu sein, dass sie Hart Thorin besuchen durfte, und bewegte die Hand zur Tasche ihres Kleides.
»Nein«, sagte Susan mit ungewöhnlich schneidender Stimme – so schneidend, dass die Hand ihrer Tante in der Bewegung erstarrte. Cordelia hatte sie unverhohlen erschrocken angesehen. Susan fühlte sich unter diesem Blick etwas verlegen, aber sie hatte den Blick nicht gesenkt, und ihre Hand zitterte nicht, als sie sie ausstreckte.
»Ich bin diejenige, die das aufbewahren soll, Tante!«
»Wer hat dir gesagt, dass du so sprechen sollst!«, hatte Tante Cord mit einer vor Entrüstung beinahe winselnden Stimme gefragt – Susan vermutete, dass es einer Blasphemie gleichkam, aber einen Augenblick lang hatte Tante Cords Stimme sie an das Geräusch der Schwachstelle erinnert. »Wer hat dir gesagt, dass du so mit der Frau sprechen sollst, die ein mutterloses Kind großgezogen hat? Mit der Schwester des armen toten Vaters dieses Mädchens?«
»Du weißt, wer«, sagte Susan. Sie hielt die Hand immer noch ausgestreckt. »Ich soll es aufbewahren, und ich soll es Bürgermeister Thorin geben. Sie hat gesagt, was danach damit geschieht, wäre ihr gleich, er könne sich den Hintern damit abwischen« (es war außerordentlich spaßig gewesen, mit anzusehen, wie das Gesicht ihrer Tante rot anlief), »aber bis dahin soll es in meiner Obhut bleiben.«
»So etwas habe ich noch nie gehört«, hatte Tante Cordelia geschmollt… Aber sie hatte ihr das schmutzige Stück Papier zurückgegeben. »Ein derart bedeutendes Dokument der Obhut eines so kleinen Krümels von einem Mädchen anzuvertrauen.«
Aber kein so kleiner Krümel, dass ich nicht sein Feinsliebchen sein kann, was? Dass ich nicht unter ihm liegen und seine Knochen knacken hören und seinen Samen empfangen und möglicherweise sein Kind austragen kann.
Sie sah auf ihre Tasche, als sie das Papier wegsteckte, weil sie Tante Cordelia die Verachtung, die in ihrem Blick lag, nicht sehen lassen wollte.
»Geh hinauf«, hatte Tante Cord gesagt und die Spitzenklöppelei von ihrem Schoß in das Nähkörbchen gefegt, wo sie in einem unüblichen Durcheinander liegen blieb. »Und wenn du dich wäschst, widme deinem Mund besondere Aufmerksamkeit. Reinige ihn von der Frechheit und Respektlosigkeit gegenüber denen, die viel Liebe für das Mädchen geopfert haben, dem er gehört.«
Susan war schweigend nach oben gegangen, hatte sich tausend Antworten verkniffen und war, wie so oft, die Treppe mit einer Mischung von Scham und Geringschätzung hinaufgestiegen.
Und nun lag sie in ihrem Bett und war immer noch wach, während die Sterne verblassten und die ersten helleren Töne den Himmel färbten. Die Ereignisse der gerade vergangenen Nacht gingen ihr wie ein phantastischer Bilderreigen durch den Kopf, gemischten Spielkarten gleich – und diejenige, die mit größter Beharrlichkeit aufgedeckt wurde, war die mit dem Gesicht von Will Dearborn. Sie dachte daran, wie hart dieses Gesicht werden konnte und wie unerwartet sanft schon im nächsten Augenblick. Und war es ein hübsches Gesicht? Aye, das dachte sie. Für sie auf jeden Fall.
Ich habe noch nie ein Mädchen gebeten, mit mir auszureiten, oder gefragt, ob sie einen Besuch von mir wohlheißen würde. Euch würde ich fragen, Susan, Tochter des Patrick.
Warum jetzt? Warum lerne ich ihn jetzt kennen, wo nichts Gutes daraus
Weitere Kostenlose Bücher