Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
die Stadt gebracht, und Roland war sich sicher, dass Sheriff Avery das genau gewusst hatte. Er betrachtete sie ziemlich lange und eingehend dafür, dass er versprochen hatte, sie nicht von ihren Pflichten abzuhalten, folgte den Zeilen der ordentlich zusammengelegten Blätter (deren Leinengehalt so hoch war, dass die Dokumente wahrscheinlich mehr aus Stoff als aus Papier bestanden) mit einem feisten Finger und bewegte dabei die Lippen. Ab und zu rückte der Finger zurück, wenn Avery eine Zeile zweimal lesen musste. Die beiden anderen Hilfssheriffs standen hinter ihm und sahen ihm weise über die breiten Schultern. Roland fragte sich, ob überhaupt einer von ihnen lesen konnte.
William Dearborn. Sohn eines Viehtreibers.
Richard Stockworth. Sohn eines Ranchers.
Arthur Heath. Sohn eines Viehzüchters.
Jedes Dokument war von einem Notar beglaubigt worden – James Reed (aus Hemphill) im Falle Dearborns, Piet Ravenhead (aus Pennilton) im Falle Stockworths, Lucas Rivers (aus Gilead) im Falle Heaths. Alles in Ordnung, Beschreibungen gut abgestimmt. Die Dokumente wurden mit verschwenderischem Dank zurückgegeben. Danach überreichte Roland dem Hohen Sheriff einen Brief, den er behutsam aus seiner Brieftasche nahm. Avery behandelte den Brief mit derselben Behutsamkeit, und seine Augen weiteten sich, als er das Siegel am unteren Rand sah. »Bei meiner Seele, Jungs! ’s war ein Revolvermann, der das geschrieben hat!«
»Aye, so ist es«, stimmte Cuthbert mit Verwunderung vorspielender Stimme zu. Roland trat ihm – ziemlich fest – gegen den Knöchel, ohne den respektvollen Blick von Averys Gesicht abzuwenden.
Das Schreiben über dem Siegel stammte von einem gewissen Steven Deschain aus Gilead, einem Revolvermann (was bedeutete, ein Ritter, Edelmann, Friedensstifter und Baron… wobei der letzte Titel in der modernen Zeit auch ohne John Farsons Polemik fast keine Bedeutung mehr hatte) der neunundzwanzigsten Generation in direkter Abstammung von Arthur von Eld, freilich von einer Nebenlinie (mit anderen Worten, der entfernte Nachfahre einer von Arthurs zahlreichen Feinsliebchen). Er übermittelte Grüße an Bürgermeister Hartwell Thorin, Kanzler Kimba Rimer und den Hohen Sheriff Herkimer Avery und empfahl die drei jungen Männer, welche dieses Dokument überbrachten, die Masters Dearborn, Stockworth und Heath, ihrer besonderen Aufmerksamkeit. Diese seien vom Bund auf eine besondere Mission gesandt worden, um eine Inventur aller Materialien durchzuführen, welche dem Bund in Zeiten der Not hilfreich sein konnten (das Wort Krieg stand nicht in dem Dokument, erstrahlte aber zwischen allen Zeilen). Steven Deschain bat die Herren Thorin, Rimer und Avery im Namen des Bundes der Baronien, den ernannten Schätzern des Bundes in jeder Hinsicht zu Diensten zu sein, besondere Sorgfalt aber auf die Inventur von Vieh, Nahrungsmittelvorräten und jede Form von Transportmitteln zu verwenden. Dearborn, Stockworth und Heath würden sich mindestens drei Monate in Mejis aufhalten, schrieb Deschain, möglicherweise sogar ein ganzes Jahr. Das Dokument endete mit der Aufforderung, »schriftliche Meldung über diese jungen Männer und ihre Arbeit zu übersenden, und zwar in allen Einzelheiten, die Eurer Ansicht nach für uns von Interesse sind«. Und mit der Bitte: »Bitte seid in dieser Hinsicht nicht nachlässig, wenn Ihr uns gewogen seid.«
Mit anderen Worten, lasst uns wissen, ob sie sich benehmen. Lasst uns wissen, ob sie ihre Lektion gelernt haben.
Der Hilfssheriff mit dem Monokel kam zurück, während der Hohe Sheriff noch das Dokument studierte. Er trug ein Tablett mit vier Gläsern weißen Tees herein und bückte sich damit wie ein Butler. Roland murmelte ein Dankeschön und reichte die Gläser herum. Das letzte nahm er für sich, führte es an die Lippen und merkte, dass Alain ihn mit leuchtend blauen Augen aus seinem gleichmütigen Gesicht ansah.
Alain schüttelte das Glas leicht – gerade genug, dass das Eis klirrte –, und Roland antwortete mit einem fast unmerklichen Nicken. Er hatte kühlen Tee aus einem Krug erwartet, der in einem angrenzenden Brunnenhaus aufbewahrt wurde, aber es schwammen tatsächlich Eiswürfel in den Gläsern. Eis im Hochsommer. Das war interessant.
Und der Tee war, wie versprochen, köstlich.
Avery las den Brief zu Ende und reichte ihn Roland zurück wie jemand, der eine heilige Reliquie weiterreichte. »Ihr solltet das sicher an Eurer Person tragen, Will Dearborn – aye, wahrlich sehr
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