Der einsame Baum - Covenant 05
euch zu berichten. Ihr nennt den Gesang der Wasserhulden einen Wahn. Wir ersehen, daß ihr die Wahrheit sprecht. Solcher Wahn jedoch ...« Plötzlich nahm seine Stimme eine Sanftheit an, wie Covenant sie noch nie von einem Haruchai gehört hatte. »Ur-Lord, willst du dich nicht erheben und vor uns treten? Wir werden uns nicht vor dir erniedrigen. Aber es ist unziemlich, daß wir hier stehen, während du dort kauerst.«
Covenant sah Linden an. Die Mühe, die es sie kostete, sich wieder in eine mehr oder weniger stabile Verfassung zu bringen, machte ihre Gesichtszüge krampfhaft angespannt; aber sie nickte, vollführte eine fahrige Geste in Pechnases Richtung. Sofort half der Riese ihr dabei, sich aus Covenants Armen zu erheben, und dadurch ermöglichte sie es ihm, aufzustehen und sich den Haruchai zu stellen.
Mit lahmen Gliedern rappelte er sich auf. Infolge von Gefühlen, die er einzugestehen fürchtete, war ihm zumute, als wäre er aus Holz. Würde er die Haruchai verlieren? Die Haruchai , die von Anfang an so treu gewesen waren wie die Ranyhyn? Was haben sie mit euch gemacht?
Da erwiderte Brinn erstmals wieder Covenants Blick; und die Aufgewühltheit hinter den leidenschaftslosen Augäpfeln brachte ihn ins Zittern. Die Sternfahrers Schatz bäumte sich im Wüten der See auf, als müßte der Granit im nächsten Moment bersten. Covenant begann alles hervorzustoßen, was ihm durch den Kopf ging. Er mochte gar nicht hören, was Brinn zu sagen hatte.
»Ihr habt ein Versprechen abgelegt.« Sein Brustkorb wogte mit der nachdrücklichen Kraft des Wissens, daß er keinerlei Recht dazu besaß, gegen die Haruchai irgendwelche Vorwürfe vorzutragen. »Ich habe gar nichts dergleichen haben wollen. Mir lag nichts an weiterem Dienst der Art, wie Bannor ihn mir zu leisten bestanden hat. Aber ich hatte keine Wahl.« Auf dem Plateau des Hochlands oberhalb Schwelgensteins war er mehr als nur halb verreckt aufgrund des Blutverlusts gewesen, wäre womöglich sogar an bloßer Zerknirschung und dem Gefühl der Nichtigkeit krepiert, hätte Brinn ihm nicht beigestanden. »Zum Teufel, wovon redest du eigentlich?«
»Ur-Lord.« Brinn wich nicht mehr vom eingeschlagenen Weg ab. »Hast du nicht selbst den Gesang der Wasserhulden vernommen?«
»Was hat das damit zu tun?« Covenants Streitbarkeit hatte einen hohlen Klang, aber er konnte sie nicht unterdrücken. Sie war seine einzige Gegenwehr. »Der ausschließliche Grund, warum sie sich auf euch verlegt haben, war doch, daß sie niemanden wollten, der so unzulänglich oder zumindest destruktiv ist wie ich.«
Brinn schüttelte den Kopf. »Und wird nicht zu Recht vom Zweifler erzählt, einst habe er in seiner Not behauptet, das Land sei nichts als ein Traum?« meinte er. »Eine Sache der Falschheit und des Wahns, welchselbiger er sich verschließen müsse?« Das verschlug Covenant die Sprache. Alles was er je gesagt haben mochte, zog sich in ihm zusammen, erfüllte ihn, als werde ihm schlecht, mit banger Erwartung. Es ist ein und derselbe Traum, in dem wir uns befinden , hatte er auf dem Kevinsblick zu Linden gesagt, einer Überzeugung Ausdruck verliehen, die er einmal bitter benötigt hatte, über die er jedoch später hinausgewachsen war; sie war irrelevant geworden. Habt ihr etwa vor, mir auch daraus einen Strick zu drehen? »Der Ersten Wort lautet«, sprach der Haruchai bedächtig weiter, »daß der Wasserhulden Gesang ein Wahn ist. Mag sein, in unseren Herzen erkannten wir ihn als Wahn, als wir ihm folgten. Aber wir sind Haruchai , und wir gaben ihm Antwort. Vielleicht weißt du allzu wenig von uns. Das Leben unseres Volkes in den Bergen ist hart und beschwerlich, dieweil Gipfel und Schnee keine behagliche Wohnstatt bieten. Daher ist unser Same fruchtbar, auf daß wir von einem zum nächsten Geschlecht überdauern mögen. Das Band zwischen Mann und Weib gleicht in uns einem Feuer, und es brennt tief. Hat Bannor nicht davon zu dir gesprochen? Für jene von uns, die den Lords als Bluthüter dienten, war der Verzicht auf Schlaf und Tod von geringer Bedeutung, leicht zu ertragen. Doch der Verlust der Weiber ... Er war's, der sie dazu bewog, ihres Eids zu entsagen, als die Verderbnis ihre Hand auf sie legte. Jeder Mann mag scheitern oder sterben. Wie aber sollte ein Haruchai , der sein Weib um einer selbstgewählten Pflicht willen verlassen hat, die Erkenntnis ertragen können, daß ihm selbst seine Treue zu selbiger Pflicht genommen zu werden vermag? Besser wär's, der Eid wäre nie
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