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Der Engel Der Kurie

Titel: Der Engel Der Kurie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Georg Brun
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Hinrichtungen nicht anwesend zu sein. Zum Glück hatte er noch keiner einzigen auf dem Campo de Fiori beiwohnen müssen; das bewahrte diesem Platz für ihn seine heitere Unschuld.
    Er befand sich vor dem Haus von Alexanders Konkubine, der legendären Vanozza. Der Platz sprühte vor Sinnenfreude, gleichgültig, ob morgens die Gemüsehändler oder abends die Puttani das Geviert belebten. Die Dirnen hatten hier einen ihrer Lieblingstreffpunkte, soweit sie nicht drüben in der Gegend der Piazza del Pozzo bianco ihrem Gewerbe nachgingen. Auch wenn nicht alle Freuden ohne Sünde waren, so waren die Sinnenfreuden doch von Gott gegeben und konnten als sein Geschenk angesehen werden. Jakob war von dem Besuch bei Claudia noch immer recht verwirrt, und er entschied sich, bei Giuseppe auf einen Becher Wein einzukehren. Als er auf die Schenke zustrebte, zupfte ihn jemand am Ärmel. Flehend richtete Serena ihre großen Augen auf ihn.
    »Was ist mit dir, meine Kleine?« fragte Jakob.
    »Hast du für mich ein paar Giuli oder wenigstens einige Quattrini, Herr? Ich muß Apollonia ein wenig Geld geben, damit sie mich nicht auf die Straße setzt.«
    »Ach, du armes Ding«, stöhnte Jakob, »wie soll ich, der ich kaum über Mittel verfüge, dir jedesmal, wenn ich auf dem Campo de Fiori bin, ein paar Münzen zustecken?«
    Serena zuckte traurig mit den Achseln. Sie tat Jakob leid, und wenn er daran dachte, welches Schicksal ihr bevorstehen könnte, drehte sich ihm fast der Magen um. Engel, dachte er empört, sollen Jungfrauen sein; je jünger, desto genehmer sind sie den feinen Herren. Er griff tief in seine Tasche und zog ein Papier hervor; es war aber kein Geldschein, sondern der Brief, den Ambrogio Farnese an Giacomo Garilliati geschrieben hatte. Jakob pfiff überrascht durch die Zähne. Während er nochmals in den Tiefen seiner Tasche nach einigen Quattrini kramte, fragte er Serena beiläufig: »Kennst du ein Mädchen namens Antonia? Sie ist, wenn ich nicht irre, eine Puttana aus diesem Quartier.«
    »Ich weiß nicht«, stotterte sie. »Bei Apollonia treffen sich viele Mädchen. Ich kenne nur die, die dort gemeinsam mit mir wohnen; bei den anderen weiß ich von den wenigsten die Namen. Wie sieht diese Antonia aus?«
    »Sie war nett anzusehen, mit brauen Haaren und einem hübschen Gesicht mit dunklen Augen.«
    »Ist sie tot?«
    »Nein, wo denkst du hin?« log Jakob. »Ich habe sie nur länger nicht mehr gesehen.«
    Serenas Brauen zuckten, und für einen Moment lag etwas Stechendes in ihren Augen, ehe sie auf den Boden blickte und mit leiser Stimme fragte: »Hatte sie einen Knabenkörper?«
    Jakob erwiderte mißmutig: »Du fragst Sachen. Also, ich glaube, sie hatte ordentliche Brüste, doch ich bin ein deutscher Mönch, wenn du verstehst, was ich meine.«
    Das Mädchen kicherte.
    »Da gibt's gar nichts zu lachen«, knurrte Jakob, aber er war nicht böse, sondern eher verwundert, wie unverblümt die Vierzehnjährige über Dinge sprach, die einen anständigen Mönch ins Stottern bringen mußten.
    »So vom Arsch her – sah sie da eher wie ein Knabe aus?«
    Jakob mußte lächeln. »Ja, von hinten sah sie wirklich wie ein Knabe aus.«
    »Dann kenne ich sie. Sie ist aber seit einiger Zeit nicht mehr bei Apollonia. Ihr solltet mit Apollonia darüber reden. – Und meine Quattrini?«
    Jakob hatte inzwischen einige Kupfermünzen aus der Tasche gekramt und drückte ihr zwei in die Hand.
    »Den Rest«, sagte er, »brauche ich für meinen Wein. – Grüße Apollonia von mir; ich werde sie bald besuchen.«
    »Warum gehst du nicht gleich?«
    »Weil ich durstig bin«, erwiderte Jakob unsicher. Er hatte noch nicht darüber nachgedacht, welche Fragen er Apollonia stellen sollte. Würde sie ihm sagen, wer Antonia für den Abend bei Farnese eingeladen hatte? Hatte man Antonia gezielt für ihn ausgesucht? Wußte sie etwas über die anderen Dirnen auf Ambrogios Fest? Kannte sie den Farnese, oder gab es einen Mittelsmann? Und falls sie diese Fragen beantworten konnte, durfte er Apollonia trauen, oder war sie eine mißgünstige Kupplerin, die zu ihrem eigenen Vorteil Libelli famosi an die Häuser der Widersacherinnen anschlug? Solche Schmähschriften waren noch das geringste Übel, das sich Ruffiani und Cortigiani gegenseitig antaten, wenn sie aufeinander losgingen.
    Jakob spürte, daß Serena ihn stumm musterte. »Also gut«, sagte er schließlich, als würde er sich in sein Schicksal ergeben. »Bringe mich zu ihr.«
    Wenige Minuten später stand er in

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