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Der Gesang von Liebe und Hass

Titel: Der Gesang von Liebe und Hass Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Cordes Alexandra + Horbach Michael
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»Du willst sie mit dem Fahrrad einholen?«
    » Ja .«
    Die Morgenröte flackerte über den Bergen von Gualavera, als sie die erste Rast machten, um sich die Beine von der ungewohnten Radfahrerei zu vertreten. Zweimal mußten sie Löcher in den alten Schläuchen der vorsintflutlichen Räder flicken, und Brenski war nur froh, daß Manuelo ein ordentlicher Mann war, der auch seine Werkzeugtaschen in Ordnung hielt.
    Sie hockten unter Apfelbäumen auf einer Wiese und schauten dem Sonnenaufgang zu. Sie waren dreißig Kilometer gefahren, hatten aber von Maria Christina keine Spur gefunden.
    »Wir müssen sie überholt haben«, sagte El Corazón. »Sie kann mit dem Karren höchstens zehn oder fünfzehn Kilometer weit gekommen sein.«
    Brenski hob die Schultern. Sie würden im Tageslicht zurückfahren, und dann mußten sie auf sie stoßen – es sei denn, sie hätte einen ganz anderen Weg genommen, der sie aber weit ab von der direkten Route nach Córdoba führen würde.
    »Sie hat sich vor uns versteckt«, sagte El Corazón bekümmert. »Und dabei ist sie deine Niña, und ich bin ihr der Freund, der Sohn Mama Elenas. Warum hat sie das getan?«
    »Frag sie, wenn wir sie wiederfinden.«
    »Hast du nur noch so wenig für sie übrig, daß du in diesem Ton von ihr sprichst? Vielleicht hat sie das gemerkt und ist deshalb allein weitergefahren.«
    »Es ging nicht von mir aus. Sie hat sich mir entzogen, immer wieder. Du hast doch Augen im Kopf.«
    »Ja, ich weiß, aber man sollte Geduld mit ihr haben nach dem, was sie erleben mußte.«
    Brenski sah El Corazón an. »Meinst du, ich hätte nicht jede Stunde, jede Minute des Schreckens für sie mit durchgemacht, wenn auch nur in meinem Kopf? Hältst du mich für stumpfsinnig? Ich will ihr ja helfen, ich will sie zurückführen in die Zeit vor dem, was geschah. Doch sie stößt meine Hand immer wieder zurück.«
    »Warum suchst du sie dann noch?«
    »Weil wir uns geschworen haben, sie heil nach Córdoba zu bringen.«
    »Sí, das haben wir. Aber vielleicht sagt sie sich jetzt, sie ist besser dran ohne uns beide.«
    »Schon möglich. Wenn wir sie auf der Rückfahrt nicht finden, dann werde ich Manuelo die Fahrräder abkaufen, und du wirst weiterfahren, allein, wohin du willst. Und ich werde weiterfahren, allein, wohin ich will.«
    El Corazón ballte die Fäuste um den Knüppel, den er auf der Wiese aufgelesen hatte. »Jetzt weiß ich, warum die Alemanos oft so unbeliebt sind. Sie wollen überall den lieben Herrgott spielen. Es muß überall nach ihrer Pfeife getanzt werden, ob sie nun links stehen, rechts, oben oder unten, ob sie an den Papst glauben oder an Luther, sie sind alle gleich.«
    »Schon möglich. Aber lieber alle gleich als alle anders wie bei euch. Auf der einen Seite mitleidig und hilfsbereit bis zum Äußersten, auf der anderen Seite die Inquisition – bis zum letzten Blutstropfen. Und täusche dich nicht, was ihr jetzt hier durchmacht, ist eine Art von selbstauferlegter Inquisition.«
    »Ich bin kein Philosoph, Brenski, aber ich bin ein Mann, der weiß, was er von seinem Volk zu halten hat. Wir sind im Guten besser als manche anderen und im Bösen schlimmer als die meisten anderen. Aber das hat nichts zu tun mit der Frage, ob wir einfach aufgeben, nach Maria Christina zu suchen.«
    »Ich habe dir ja gesagt – wir fahren zurück, suchen jeden Winkel ab, die Seitenwege – und wenn wir sie dann nicht finden, dann schau ich, daß ich mich allein nach Portugal durchschlage – oder nach Frankreich, ich weiß noch nicht, wohin.«
    »In Portugal wird dir die Geheimpolizei Salazars ganz schön auf die Finger klopfen. Frankreich ist deine einzige Chance, aber ich glaube nicht, daß du nach Frankreich gehen wirst. Du wirst auch nicht nach Portugal gehen. Du wirst deinen verdammten Ein-Mann-Krieg gegen die Nacionales weiterführen, bis sie dich töten.«
    »Und was wäre so falsch daran?«
    »Ich war mal ein Gläubiger, aber nun bin ich ein Atheist, Brenski, das weißt du. Manchmal glaube ich aber immer noch, daß es so etwas wie einen Schöpfer gibt, ob man nun sagt, die Schöpfung oder die Evolution oder sonst etwas, vielleicht sogar ganz einfach der liebe Gott. Ich will nicht um den heißen Brei rumschleichen, sondern es dir mit meinen Worten sagen: Wer vom lieben Gott einen Kopf bekommen hat, mit dem er denken kann, wer Talente mitbekommen hat, die er für sich und andere nützen kann, der darf diese Talente nicht verkümmern lassen. Es ist deine Pflicht als Mensch,

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