Der Glaspavillon
ging zu einem Seminar für mißhandelte Menschen, dem sie sogar vorstand. Eine Frau, die viel gelitten, aber überlebt hatte.
Ich brauchte dringend eine Zigarette und einen Kaffee.
Also reihte ich mich in die Schlange ein, aber als ich bei den Tassen angelangt war und mir einschenken wollte, zitterte meine Hand so stark, daß sich der Kaffee überall-hin ergoß, nur nicht in meine Tasse.
»Lassen Sie nur, ich schenke Ihnen ein«, sagte eine Frau neben mir und füllte meine und ihre Tasse. Dann führte sie mich zum nächsten freien Tisch, und wir setzten uns. Ich erkannte sie sofort wieder, bedankte mich bei ihr, und sie streckte mir ihre Hand entgegen.
»Guten Tag, mein Name ist Thelma Scott.«
»Ja, ich weiß. Ich habe Ihren Diskussionsbeitrag vorhin gehört.«
»Ich weiß auch, wer Sie sind«, entgegnete sie trocken.
»Sie sind Jane Martello, Alex Dermot-Browns neuestes und bestes Vorzeigeexemplar.«
»Jeder, dem ich hier begegne, scheint mich zu kennen.«
»Sie sind eben ein wertvolles Objekt, Mrs. Martello.«
Das ging nun wirklich zu weit.
»Dr. Scott, ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, aber ich weiß wirklich nicht, was ich hier soll, und ich möchte keinesfalls in einen Streit verwickelt werden.«
»Dafür ist es jetzt ein bißchen spät, finden Sie nicht auch? Ihr Schwiegervater ist auf dem Weg ins Gefängnis und wird dort bis ans Ende seiner Tage bleiben. Und Sie haben ihn dorthin gebracht.«
»Er hat das Verbrechen gestanden, Dr. Scott. Er wird sich schuldig bekennen.«
»Ja, ich weiß«, sagte sie offensichtlich wenig beeindruckt.
»Was halten Sie von Melanie Foster?«
»Ihr Fall ist wirklich tragisch.«
»Dieser Meinung bin ich auch.«
Ich trank meinen Kaffee aus. »Ich muß jetzt gehen«, sagte ich und erhob mich langsam.
»Zu Melanies Workshop?«
»Ja.«
»Um schwesterlichen Zuspruch zu bekommen? Damit Ihnen jemand bestätigt, daß Sie richtig gehandelt haben?«
»Das ist nicht meine Absicht.«
Amüsiert zog Thelma Scott die Stirn kraus. »Wirklich nicht? Na, dann ist ja alles in Ordnung«, sagte sie und öffnete ihre Geldbörse.
»Ich zahle«, erklärte ich.
»Da ist nichts zu zahlen«, erwiderte sie. »Unser Kaffee geht auf Kosten von Mindset. Ich möchte Ihnen nur etwas geben.«
Sie zog eine Karte hervor und reichte sie mir.
»Meine Visitenkarte, Jane. Meine private Telefonnummer und Adresse stehen auf der Rückseite. Sollten Sie jemals Lust verspüren, mit mir zu reden, rufen Sie mich an. Jederzeit. Ich sichere Ihnen absolute Diskretion zu, was bei anderen Kollegen nicht immer der Fall ist.«
Zögernd nahm ich die Karte. »Dr. Scott, ich bezweifle, daß wir uns etwas zu sagen haben.«
»Auch gut. Dann rufen Sie eben nicht an. Aber stecken Sie die Karte in Ihren Geldbeutel. Na los, ich möchte sehen, wie Sie es tun.«
»Okay, okay.« Folgsam tat ich – unter ihrem wachsamen Auge –, was sie mir befohlen hatte. »So, ich hab sie unter meine Kreditkarte gesteckt.«
Bevor ich aufstehen konnte, beugte sich Thelma Scott über den Tisch und ergriff meine Hand.
»Heben Sie die Karte auf. Es ist noch nicht überstanden, Jane«, sagte sie mit einer Dringlichkeit, die mich überraschte.
»Passen Sie auf sich auf.«
»Keine Sorge«, erwiderte ich und ging hinaus.
Ich betrat den Konferenzraum 3, der erheblich kleiner war als der Saal, in dem die Einführung stattgefunden hatte.
Die zehn im Kreis aufgestellten Stühle waren schon fast alle besetzt; die Frauen musterten mich neugierig, als ich Platz nahm. Sollte ich mich vorstellen? Ob es unhöflich war, bis zum Beginn des Workshops eine Zeitschrift zu lesen? Ich öffnete meine Mappe, als müßte ich noch dringend etwas vorbereiten. Ich merkte, wie noch mehr Teilnehmer eintrafen. Als Melanie mich begrüßte, blickte ich auf. Kein Platz war mehr frei. Da drei Teilnehmer stehen mußten, darunter auch Alex Dermot-Brown, wurden zusätzliche Stühle hereingetragen. Alle rutschten ein Stück nach hinten, um den Kreis zu vergrößern.
»Guten Tag«, sagte Melanie, nachdem wir alle saßen.
»Ich begrüße Sie zu unserer Arbeitsgruppe ›Hört uns zu!‹.
Ich werde mich bemühen, nicht allzu viele Worte zu machen. Wie Sie alle wissen, ist dies keine gewöhnliche Gruppensitzung. Unter uns befinden sich einige Beobachter und ein Gast. Ich möchte nicht zu förmlich sein und übernehme die Diskussionsleitung nur im weitesten Sinne.
Ich schlage vor, daß sich alle erst einmal vorstellen und erklären, weshalb sie hier sind. Wir
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