Der Kalte
nun
diesem allgemeinen Gesetz unterworfen bin, seh ich mich mir selbst entrissen durch einen gewaltigen Taumel. « Da Adel den Satz Einen Augenblick hat meine unkluge Kühnheit besiegt gestrichen hatte, fuhr Fraul fort, und es lag sein ganzer Gram in diesem Satz, obwohl er ihn fast leichthin an Katharinas Schläfe vorbeisprach: » Diese stolze Seele ist jetzt nicht mehr frei .«
Als aber Adel hernach wollte, dass Hippolyt der Aricia kurz und knapp den Mund küssen sollte, bevor er weiterredete, entspann sich, obwohl Adel mit Verdruss im Gesicht sie unterbinden wollte, eine Diskussion, in der Fraul behauptete, es wäre wohl unpassend, wenn er nachher sagen sollte: Seit fast sechs Monaten leide ich, beschämt und verzweifelt …
Adel lächelte und sagte:
»Grad deswegen. Ein bissl Bizarrerie. Nach dem Kuss ein Blick von dir, Katharina, auf den Hübschen, Pause Pause Pause, und dann macht er weiter.«
Fraul zuckte die Achseln und küsste sie. Ihr Blick war im ganzen Raum zu sehen, brachte den Karl derart aus dem Konzept, dass er stotternd weitersprach und dabei begann, ihr den Rücken zuzukehren. Die Probe verlief famos, und ich war zuversichtlich, dass meine Szene mit ihm klappen würde. Ich überlegte in der Pause, warum ich eigentlich dermaßen hysterisch sein und ihn ständig abgreifen sollte, indes ich im Text ständig behaupte, was für ein Gräuel mir diese Liebe sei. Ich werde Abscheu in ihm hervorrufen. Dieser Gedanke erregte mich, und diese Erregung nahm ich alsogleich mit auf die Bühne.
17.
(Aus dem Tagebuch des jungen Keyntz)
22. 4. 1986
Das Leben geht weiter, und wie. Ich bin in die Hardtgasse gezogen. Zuerst wusste ich nicht, was ich mit Margits Sachen machen sollte, schließlich habe ich das Kabinett zu Margits Zimmer erklärt und dort nach und nach alles hineingeräumt. Das Gewand habe ich mit der Dolly durchgesehen, und das meiste hat sie dann weggegeben, einen lila Pulli hat sie behalten, aber sie hat ihn noch nie getragen, wenn ich sie gesehen habe. Überhaupt hat mir die Dolly sehr geholfen, die Hardtgasse einzurichten. Ich find es toll, aufzusperren und hinter mir zuzusperren, und da bin ich, und ich lass rein, wen ich will. Nach einiger Zeit habe ich begonnen, mir Margits Sachen anzusehen. In ihren Kalender hat sie gelegentlich einzelne tagebuchartige Sätze eingetragen, zum Beispiel: Mit Steff in der Oper bei Carmen. Tieftraurig ich, lustig er. Das wird so bleiben.
Ich hab dann nicht mehr weitergestöbert, sondern alles im Kabinett gelassen.
Gestern ist ein Brief vom Arschloch Fraul in die Hardtgasse gekommen. Die erste Post hierher, und grad von dem. Auf über drei Seiten rechtfertigte er sich. Ich hab den Brief wieder zugeklebt und zurückgeschickt, ohne Porto. Auf die Innenseite des Kuverts hab ich »Geh scheißen« geschrieben.
23. 4. 1986
Gestern hat mich Guido Messerschmidt angerufen und mich gefragt, ob er mich besuchen darf. Die sind alle so überhöflich und sülzen rum. Ich hab gedacht, das ist der letzte Lover von ihr, der aber auf sie keinen großen Ein
druck gemacht haben kann, sonst hätt sie sich nicht in die Donau geschmissen. Er war vorhin da, ich habe ihm einen Whisky angeboten, er hat abgelehnt, dann hab eben ich ihn getrunken. Er hat mir zu erzählen angefangen, wie sehr er meine Schwester gerngehabt hat, ihr es aber gar nicht gestehen hat können. Komisch. Ein ausgewachsener fertiger Arzt und druckst so herum. Eigentlich war er mir anfangs sympathisch. Ich hab ihm gesagt, ich hab geglaubt, er sei ihr Freund, da ist er rot geworden. Dann hab ich ihm vom Arschloch Fraul erzählt und dass der am Selbstmord schuld ist und sich jetzt bei mir beknirscht. Ich habe ihm sogar von dem Brief erzählt. Er hat mir mit ganz leiser Stimme gesagt, ich könnte niemand einfach die Schuld geben. Dem Fraul schon, hab ich sofort geantwortet; der hat sich mit meiner Schwester gespielt und hurt am Burgtheater mit allen möglichen Schauspielerinnen herum. Der hält sich überhaupt für was Besonderes, hab ich dem Guido gesagt, denn inzwischen hat er mir das Duwort angeboten, dabei ist er bloß eine Art Mörder und sonst nichts. Dann hab ich noch ein zweites Glas Whisky getrunken, habe dem Guido zugehört und ihn dann rausgeworfen. Der kommt extra zu mir her, um den Fraul zu verteidigen. Der hat sich wahrscheinlich gefreut, dass der Fraul die Margit stehen lassen hat, damit er, ach was, lauter Blöde, was gehts mich an. Die sollen mich in Ruh lassen.
24. 4. 1986
In besoffenem
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