Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)
verschwunden.
Aron war empört. Was bildete sie sich ein? Sollte er springen wie ein Hündchen, nur weil sie ihn in einer Laune rief? Vielleicht war sie von den EHs
geschickt, um ihn auszuhorchen. Als Aron aus dem Seminargebäude trat, schüttelte er trotzig den Kopf. Sie konnte lange auf ihn warten. Kurz nach elf jedoch
betrat er die Lobby des Radisson und strebte mit schlecht gespielter Lässigkeit den Lifts zu.
Judith empfing ihn mit einer Umarmung und einem Kuss auf die Wange. „Entschuldige, dass ich so kurz angebunden war, aber ich musste dringend zu dieser
Besprechung der Redaktion. Die nächste Ausgabe der
Wahrheit
soll gleich nach dem Seminar in Druck gehen und bereits die heutige Rede des Mahaguru
samt Bilder von seinem Auftritt enthalten.“ Sie plauderte ungezwungen, als seien nicht Wochen vergangen, seit Aron sie auf Bali zuletzt gesehen hatte. Sie
schien Arons ungelenke Zurückhaltung nicht zu bemerken. Er folgte ihr widerwillig in das kleine Zimmer, wo sie mit einigen Handgriffen Kleider vom Bett
nahm, um ihm einen Sitzplatz zu schaffen. Während sie die Sachen in den Schrank hängte und ihm den Rücken zukehrte, sprach sie weiter: „Ich hatte so
gehofft, dich auf dem Seminar wiederzusehen.“
„Du hättest mich anrufen können.“
„Ich konnte nicht. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass wir privaten Kontakt halten. Die Telefone in den Akademie-Wohnheimen werden überwacht. Wir
müssen vorsichtig sein.“ Sie schloss den Schrank und wandte sich ihm zu. „Umso mehr freut es mich jetzt.“ Sie lächelte und setzte sich ihm gegenüber. „Aber
wie mir scheint, ist dir etwas über die Leber gelaufen. Hast du irgendwelches Geschwätz über mich gehört oder was ist passiert?“
Aron gab sich einen Ruck und schaute Judith in die Augen. „Hast du Peter Crapp oder den EHs Bericht erstattet über unsere Erlebnisse in diesem
balinesischen Dorf und speziell über mich?“
Judith lachte. „Ach so, jetzt verstehe ich. Haben dich die EHs auch ausgequetscht nach deiner Rückreise, mit all ihren geheimnisvollen Andeutungen darüber,
dass sie eigentlich alles schon wissen, dass die anderen Angeklagten längst schon gestanden und dich verpfiffen haben? Sie holen sich die Anregungen für
ihre Verhöre aus alten Krimis, musst du wissen. Ich würde mir eher die Zunge abbeißen, als diesen Schnüfflern oder einem Schleimer wie diesem Peter Crapp,
den ich in meinem Leben nur einmal gesehen habe – einmal zu viel übrigens – auch nur ein Wort über einen anderen Menschen zu sagen.“
„Aber…“
„Ich weiß auch nicht genau, wie sie herausgefunden haben, dass wir Walt begegnet sind – ich weiß nur, dass sie lediglich vermuten, dass es tatsächlich Walt
Mason sein könnte.“
Aron erschrak, als er Walts Namen hörte.
„Mir hat man nach meiner Rückkehr übrigens angedeutet, dass dieser Musteratma Aron Endres, der als einer der Weltbesten von der Akademie abgegangen ist,
sich beschwert hat über mich, weil ich ihn gegen den Willen der Missionsleitung zu schwarzmagischen Ritualen auf Bali mitgeschleppt habe, bei denen
anständige Atmas sicherheitshalber ohnmächtig werden. Ich hätte also ebenso Grund, gekränkt zu sein, bin es aber nicht, weil ich weiß, mit welchen Methoden
die EHs arbeiten.“
„Wer hat es dann ausgeplaudert?“
Judith zuckte die Schultern. „Sie reimen sich ihre Geschichten aus Bruchstücken zusammen. Vermutlich hat dieser idiotische Missionsleiter den armen I Gede
ausgepresst. Vielleicht hat sich mein Fotograf zu einigen Andeutungen hinreißen lassen. Mark war sauer auf mich, weil ich darauf bestand, dass er nicht mit
Blitzlicht fotografiert. Er hat zufällig mitbekommen, dass ich jemanden getroffen habe, von dem er nichts wissen sollte. Er fühlte sich hintergangen, war
beleidigt, aber ich durfte kein Risiko eingehen.“
Das Misstrauen wollte nicht ganz abfallen von Aron.
„Und jetzt glaubst du natürlich, dies alles sei eine Falle der EHs. Welchen Grund sollte ich sonst haben, dich nachts auf mein Zimmer zu bestellen?“ Wieder
lachte Judith. Sie war bester Laune und schien dieses Gespräch nicht ernst zu nehmen, was Arons Verstimmung nicht besserte. Er zuckte steif die Achseln,
begann zu bereuen, Judiths Einladung gefolgt zu sein. Zugleich wuchs seine Nervosität.
„Hör zu, Aron,“ begann sie. Ihre Stimme wurde ernst. Sie zog die Stirn in Falten. „Wir haben nicht viel Zeit. Es kann sein, dass die Leute von der
Redaktion anrufen und
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