Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)
gemessen an der Gelegenheit, gemeinsam mit dem Mahaguru den Wechsel des
spirituellen Jahres erleben zu dürfen. Sie waren begeistert gewesen von der Atmosphäre, die nicht vergleichbar schien mit Seminaren in Europa. Sie waren
Liga-Pionieren begegnet, hatten neue Freundschaften geschlossen, waren nach dem Seminar in den USA gereist und hatten überall bei Atmas freundliche
Aufnahme gefunden. Auf dieser Reise hatte Aron zum ersten Mal wirklich gespürt, dass er Teil einer weltumspannenden Bewegung war, dass seine Zugehörigkeit
zur Liga ihm überall Verbindungen schuf, Türen öffnete, dass er eingebettet war in ein Netz von Gleichgesinnten. Unbeschwert war diese Reise gewesen, von
schwebender Leichtigkeit, die ganz aus dem Herzen kam, in dem zu dieser Zeit nicht der Hauch eines Zweifels wohnte. Als Aron jetzt durch die Seminarhallen
schlenderte und einige der Freunde wiedersah, die er damals gewonnen hatte, glaubte er diese heitere Gelassenheit wieder zu spüren. Selbst Bens Tod schien
in verklärendes Licht entrückt. Wenn er mit gemeinsamen Freunden darüber sprach, gab es keinen Zweifel daran, dass es zum Wohle Bens gewesen war, in die
anderen Welten hinüberzugehen. Immer wieder hörte Aron diese stereotype Wendung aus dem Mund der Atmas, bis er selbst an sie glaubte. Wie eine stille,
besänftigende Nebelglocke legte sich die Stimmung des Hauptseminars über Arons Bewusstsein.
Zugleich war Aron aufgeregt. Er war als erfolgreicher Akademieabgänger ausgewählt worden, bei einem Arbeitskreis auf dem Seminar zu assistieren. Diese
Aufgabe hob ihn in den erlesenen Zirkel bewährter Atmas, die vom Hauptquartier bestimmt waren, beim wichtigsten Seminar der Liga öffentlich aufzutreten.
Aron wusste, das Auge des Mahaguru ruhte nun auf ihm. Es war eine ehrenvolle Auszeichnung, zugleich aber auch eine Verpflichtung, der er sich unbedingt
würdig erweisen musste. Ein Vertreter des Hauptquartiers würde unerkannt in dem Arbeitskreis sitzen und eine Bewertung an die entsprechenden Abteilungen
weiterleiten. In diesem Augenblick kamen kurz die Zweifel zurück, die Aron in den vergangenen Wochen gepeinigt hatten. Ein System totaler Überwachung,
sagte es in ihm. Schon wollte sich der Kreisel der Gedanken zu drehen beginnen, als ein Mädchen, das Aron auf seiner Reise mit Ben kennengelernt hatte, ihm
lachend um den Hals flog.
Am Abend des ersten Seminartages wurde auf gigantischen Projektionswänden ein Video gezeigt, das der Mahaguru speziell für dieses Seminar aufgenommen
hatte. Ken Andersen war seit dem Attentat nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten, sondern hatte nur in Videoaufzeichnungen zu seinen Anhängern
gesprochen, doch in den Werbeblättern für dieses Seminar war angekündigt, dass er am Hauptabend des Wochenendes erstmals wieder die Bühne betreten würde.
Gerüchte und Spekulationen über diesen Auftritt waren das wichtigste Gesprächsthema der Atmas. Der Mahaguru lebte nicht ganz zurückgezogen, er empfing
ausgewählte Liga-Pioniere, erschien vor Lireps, die zu Trainings in Blackwater weilten. Auch Aron hatte die Bestätigung für eine Audienz beim Mahaguru
erhalten, was ihn noch mehr als sein bevorstehender Arbeitskreis mit beklommener Erregung erfüllte. Er würde zum ersten Mal in seinem Leben der
Verkörperung höchsten Bewusstseins persönlich gegenüberstehen. Wenn Aron an diese Auszeichnung dachte, die ihn für sein Abschneiden an der Akademie
belohnte, spürte er Stolz und Angst. Vor dem Mahaguru würde er seine Zweifel und Lügen nicht verbergen können. Der höchste Meister würde sein Inneres
durchschauen wie ein Gefäß aus Glas, würde jede Befleckung untrüglich erkennen. Aron nahm Platz irgendwo im Rund der riesigen Sporthalle, in der das
Seminar stattfand. Obwohl selbst diese gewaltigen Hallen den Andrang der Atmas nicht mehr zu fassen vermochten und die Karten schon seit vielen Jahren
streng kontingentiert werden mussten, konnte sich die Führung der Liga nicht entschließen, das Hauptseminar in Sportstadien unter freiem Himmel abzuhalten.
Aufmerksam lauschte Aron den Worten des Mahaguru. Das blasse Asketengesicht füllte die überdimensionale Videowand, dass es schien, als schwebe der Mahaguru
mitten im Raum. Er begrüßte die Atmas, die zum Seminar gekommen waren und kündigte mit eigenen Worten an, was alle sehnlichst hofften – dass er morgen
persönlich zu ihnen sprechen werde. Der Mahaguru wirkte ernst wie auf allen Videoaufzeichnungen, die nach dem
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