Der Pfeil der Rache
übrigen Gäste, die sich in einiger Entfernung ihr Morgenbrot munden ließen, während heimliches Rascheln im Unterholz auf Master Avery und seine Männer verwies, die nach Hirschspuren forschten. Ich indes hatte das Bedürfnis verspürt, der Gesellschaft den Rücken zu kehren, wenn auch nur für eine Minute. Schon bald würden wir wieder Hals über Kopf durch den Park galoppieren. Ich überlegte, was tags zuvor geschehen war.
* * *
Nach dem Kirchgang war David in sein Zimmer geleitet worden, um sich auszuruhen, wobei er unentwegt beteuerte, er sei wieder ganz wohlauf. Hobbey bat Dyrick, er möge ihm ins Studierzimmer folgen. Ich stand auf der Treppe, als Dyrick erneut erschien und mich bat, Master Hobbey aufzusuchen.
Der Gutsherr saß mit ernster Miene an seinem Schreibtisch und bedeutete mir still, ich möge mich setzen. Er griff nach dem Stundenglas, drehte es herum und betrachtete traurig die Sandkörner, die nach unten rieselten. »Nun, Master Shardlake«, sagte er ruhig, »Ihr habt es gesehen, mein Sohn ist – krank. Wir haben versucht, es für uns zu behalten. Es belastet meine Frau sehr; jeder Anfall trifft sie mitten ins Herz. Außer der Familie wusste nur Fulstowe Bescheid. Zum Glück hatte David nie einen Anfall im Beisein der Dienerschaft. Wir verheimlichten seine Verfassung sogar vor Master Dyrick.« Er bedachte den Anwalt mit einem traurigen Lächeln. »Es tut mir sehr leid, Vincent. Aber jetzt wissen alle Bescheid. Ettis und seine Anhänger werden sich heute Abend im Wirtshaus die Mäuler zerreißen über David.« Er stellte das Stundenglas ab und ballte die Faust.
Ich sprach in ruhigem Ton. »Hugh weiß schon eine ganze Weile, wie es um David steht, nehme ich an?«
»David hatte den ersten Anfall, nachdem wir Hugh und Emma bei uns aufgenommen hatten. Damals wohnten wir noch in London.«
»Und doch hättet Ihr Emma mit David vermählt. Sein Mündel jemandem anzuvertrauen, der eine solche Behinderung hat wie die Fallsucht, ist nicht erlaubt.«
»Das Mädchen ist gestorben«, warf Dyrick ein. Er blickte Hobbey ängstlich an, als könne er mehr verraten, als er sollte. Aber was mochte es noch geben?
Ich fragte Hobbey: »Hugh hat das Geheimnis all die Jahre gehütet?«
Er nickte. Seine Augen blickten wachsam drein. »Er gab mir sein Ehrenwort, es keinem zu verraten. Und er hat es gehalten.«
»Eine schwere Last für einen Knaben, wie mir scheint.«
»Sein Schweigen muss doch als ein Indiz gewertet werden für seine Treue zur Familie«, warf Dyrick ein.
»Wäret Ihr nicht hierhergekommen –« Hobbeys Stimme bebte einen Moment lang vor Zorn, aber er hatte sie schnell wieder im Zaum – »die leidige Sache hat meine Frau und meinen Sohn sehr mitgenommen. Sie war auch der Grund für Davids Anfall.« Er sammelte sich. »Ich bitte Euch, habt Mitleid, bringt die Sache nicht vor den Court of Wards, damit sich unser Geheimnis nicht in ganz London herumspricht.«
Ich forschte in Hobbeys Gesicht, fand eine stille Verzweiflung. Sein Mund zitterte leicht. »Ich brauche Bedenkzeit«, sagte ich.
Hobbey wechselte einen Blick mit Dyrick. Er seufzte. »Ihr müsst mich nun entschuldigen, es gibt noch Vorkehrungen zu treffen für die morgige Jagd.«
»Haltet Ihr es für angeraten, sie trotzdem zu veranstalten?«, fragte Dyrick.
»O ja. Ich werde den Kopf hoch tragen«, fügte Hobbey hinzu, mit einer Spur der alten Entschlossenheit. »Und ihnen die Stirn bieten. Und Ihr müsst mitkommen, Vincent, schließlich seid Ihr mein Rechtsbeistand. Master Shardlake«, sagte er, »werdet Ihr auch teilnehmen?«
Ich zögerte, da ich erkannte, dass er die Taktik änderte, einen Versuch unternahm, sich bei mir einzuschmeicheln. Doch dann nickte ich. »Sehr gern. Vielleicht löst es ja die steifen Glieder nach so vielen Tagen im Sattel.«
Hobbey erhob sich. »Euer Schreiber darf Euch begleiten, wenn er möchte.« Er wirkte völlig erschöpft. »Und gleich im Anschluss treffen Sir Quintin und sein Sohn bei uns ein. Ich muss die Zimmer für sie richten lassen.«
* * *
Ich begab mich auf mein Zimmer und sank schwer auf das Bett nieder. Sollte ich Davids Gebrechen dem Court of Wards melden? Ich hatte nicht den Wunsch. Doch wie sehr hatte das Leben in dieser spannungsgeladenen Familie Hugh beschädigt, deren Geheimnis er hüten musste? Ich hing noch ein wenig meinen Gedanken nach, dann schritt ich den Korridor entlang und klopfte an Hughs Tür. Nach einem Moment öffnete er sie. »Master Shardlake«, sagte er leise.
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