Der Pfeil der Rache
»Kommt herein.«
Ich folgte ihm in den ordentlichen Raum. Er war dämmrig, die Läden halb geschlossen gegen den sonnigen Nachmittag. Ein Buch lag aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch, Mores
Utopia
.
»Ihr versucht es noch einmal mit More?«, fragte ich.
»Ja, seit letzter Nacht. Nur halte ich ihn noch immer für einen Träumer, Master Shardlake. Und Sam Feaveryear sagte mir, er habe in seiner Funktion als Lordkanzler viele tüchtige Männer als Ketzer verbrannt.«
»Das ist wohl wahr.«
»Wie kam er dann dazu, die Gewalt des Krieges zu verdammen?«
Dieser Bursche gäbe einen Gelehrten ab, dachte ich und sagte: »Feaveryear ist fort.«
Er trat ans Fenster und spähte durch die Läden. »Ja, ich hatte mich an sein seltsames kleines Gesicht gewöhnt. Master Dyrick hat ihn nach London geschickt.«
»Offenbar ein dringender Fall. Er ist heute Morgen aufgebrochen.« Ich zögerte. »Gestern Abend sah ich ihn über den Rasen rennen.«
Hugh wandte sich um und sah mich gleichmütig an. »Master Dyrick hatte nach ihm gerufen.«
»Das hatte ich nicht gehört. Mir war, als hätte jemand laut ›Nein!‹ gerufen.«
»Ihr müsst Euch verhört haben, Sir. Master Dyrick trat vor die Tür und rief ihn zu sich. Die Stimme seines Herrn machte dem armen Sam stets Beine.« Er sah mich an, ein Funkeln in den blaugrünen Augen. »Wolltet Ihr mich seinetwegen sprechen?«
»Nein.«
»Das dachte ich mir.«
»Davids Geheimnis ist aufgeflogen.«
»Bedauerlich.«
»Master Hobbey erzählte mir, Ihr hättet gleich zu Beginn von seinem Gebrechen erfahren.«
Hugh setzte sich auf sein Bett und blickte zu mir auf. »Eines Tages, nicht lange nachdem Master Hobbey uns aufgenommen hatte, saßen David, Emma und ich im Unterricht bei Master Calfhill. Er war zornig auf David, weil dieser nicht gelernt hatte, und drohte ihm, es seinem Vater zu sagen. David schickte ihn unter derben Flüchen aus dem Zimmer. Da fiel er plötzlich vom Stuhl und begann zu zittern und zu schäumen, wie Ihr es heute erlebt habt. Emma und ich hatten Angst, da wir glaubten, er habe mit seinen schlimmen Verwünschungen Gottes gerechten Zorn auf sich gelenkt. Damals glaubten wir noch an solche Dinge«, erklärte er mit bitterem Lächeln. »Doch Master Calfhill erkannte die Symptome. Er kümmerte sich um David und schob ihm ein Lineal zwischen die Zähne, wie Fulstowe es heute mit dem Dolchgriff tat.«
»Und Davids Eltern brachten euch Kinder dazu, das Geheimnis zu wahren?«
»Sie baten uns darum.« Seine Stimme war tonlos.
Ich sagte: »Ihr könnt diese Familie nicht leiden, stimmt’s? Keines ihrer Mitglieder.«
Hugh verzog das lange, narbige Gesicht, und kurz wirkte er wieder wie ein Knabe. Dann kehrte seine Fassung wieder. »Trotz alledem«, sagte er leise, »drängten sie meine Schwester monatelang, David zu heiraten. Trotz seiner Fallsucht, trotz seiner Prahlerei und seiner Schikanen.«
»Emma mochte David nicht?«
»Sie
verabscheute
ihn. Sie war erst dreizehn, da ging er ihr schon an den Rock.« Hughs Miene verfinsterte sich. »Ich verprügelte ihn dafür. Master Calfhill ergriff unsere Partei. Emma könne sich weigern, David zu heiraten, sagte er uns. Sie könne vor Gericht gehen und angeben, dass David mit einem körperlichen Makel behaftet sei.«
»Das ist wahr. Dergleichen gälte als eine Herabsetzung«, sagte ich ruhig. »Doch Master Hobbey war es um Emmas Anteil an den Ländereien Eures Vaters zu tun.«
»Emma und ich schmiedeten Pläne.« Hughs Stimme bebte vor Zorn. »Falls Master und Mistress Hobbey ihr Drängen nicht aufgaben, wollten wir ihnen damit drohen, sie beim Vormundschaftsgericht anzuzeigen. Master Calfhill hatte sich kundig gemacht und uns gesagt, dass Knaben zwar erst im Alter von einundzwanzig aus der Vormundschaft entlassen werden, Mädchen indes schon mit vierzehn ihr Erbe antreten können.«
»In der Tat, es sei denn, sie lehnen eine passende Heirat ab.«
»Eine
passende
Heirat. Wir gedachten, noch ein paar Monate abzuwarten, bis Emma vierzehn wäre, dann würden wir ihr Land nehmen, es verkaufen und gemeinsam fortlaufen.«
»Habt Ihr Master Calfhill von Euren Plänen erzählt?«
»Nein. Vielleicht hätten wir ihm vertrauen sollen«, fügte Hugh traurig hinzu.
»Die Sache ist kompliziert, ihr hättet einen Anwalt gebraucht.«
Hugh gab ein überdrehtes, bitteres Lachen von sich, das mich erschreckte. »Wir kamen nicht mehr dazu. Meine Schwester starb, dann war es nicht mehr wichtig.« Wieder verzog er das Gesicht; und einen
Weitere Kostenlose Bücher