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Der Streik

Der Streik

Titel: Der Streik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ayn Rand
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schaffen, die sie sich wünscht, wenn ihr die existierende nicht gefällt.“
    „Nein“, sagte er langsam, „das würde ich nicht verstehen.“
    „Es ist wirklich ganz einfach. Wenn du einer schönen Frau sagst, dass sie schön ist, was hast du ihr damit gegeben? Nicht mehr als eine Tatsache, und es hat dich nichts gekostet. Aber wenn du einer hässlichen Frau sagst, dass sie schön ist, bereitest du ihr die große Ehre, den Begriff der Schönheit für sie abzuwerten. Eine Frau für ihre Tugenden zu lieben, hat keinen Wert. Sie hat es verdient, es ist eine Bezahlung und kein Geschenk. Aber sie unverdient um ihrer Laster willen zu lieben, das ist das wahre Geschenk. Sie um ihrer Laster willen zu lieben bedeutet, alle Tugend für sie zu besudeln, und das ist eine wahres Zeichen von Liebe, weil du dein Gewissen opferst, deine Vernunft, deine Integrität und deine unbezahlbare Selbstachtung.“
    Verständnislos blickte er sie an. Was sie sagte, klang wie eine so ungeheuerliche Unredlichkeit, dass er sich unmöglich fragen konnte, ob irgendjemand so etwas ernst meinen konnte. Er fragte sich lediglich, aus welchem Grund sie es gesagt hatte.
    „Was ist die Liebe, Liebling, wenn nicht Selbstaufgabe?“, plauderte sie im leichten Ton einer Salonkonversation weiter. „Was bedeutet Selbstaufgabe, wenn man nicht das aufgibt, was einem am wertvollsten und am wichtigsten ist? Aber ich erwarte nicht, dass du das verstehst. Als makelloser, stahlharter Puritaner, der du bist. Das ist die enorme Selbstsucht des Puritaners. Eher würdest du die ganze Welt zugrunde gehen lassen, als dein unbeflecktes Ich mit einem einzigen Makel zu beschmutzen, für den du dich schämen müsstest.“
    Langsam sagte er mit einer merkwürdig angespannten und feierlichen Stimme: „Ich habe nie behauptet, makellos zu sein.“
    Sie lachte. „Und was bist du jetzt? Du gibst mir eine ehrliche Antwort, nicht wahr?“ Sie zuckte mit ihren nackten Schultern. „Ach, Liebling, nimm mich doch nicht ernst. Ich plaudere bloß!“
    Er drückte seine Zigarette in einem Aschenbecher aus; er antwortete nicht.
    „Liebling“, sagte sie, „eigentlich bin ich gekommen, weil ich immer noch dachte, ich hätte einen Ehemann, und herausfinden wollte, wie er aussieht.“
    Sie sah ihn prüfend an, wie er dort am anderen Ende des Raumes stand. Die großen, geraden, straffen Konturen seines Körpers wurden durch den einfarbigen dunkelblauen Pyjama noch betont.
    „Du bist sehr attraktiv“, sagte sie. „Du siehst so viel besser aus in den letzten Monaten. Jünger. Sollte ich sagen: glücklicher? Du wirkst weniger angespannt. Ich weiß, du bist noch gehetzter als sonst und handelst wie ein Oberbefehlshaber bei einem Luftangriff, aber das ist nur die Oberfläche. Du bist weniger angespannt – innerlich.“
    Erstaunt sah er sie an. Es stimmte; er hatte es nicht bemerkt, hatte es sich nicht eingestanden. Er wunderte sich über ihre Beobachtungsgabe, denn sie hatte ihn in den vergangenen Monaten nur selten gesehen. Er hatte ihr Schlafzimmer seit seiner Rückkehr aus Colorado nicht mehr betreten. Er hatte gedacht, sie würde ihre räumliche Trennung begrüßen. Nun fragte er sich, was sie so sensibel für eine Veränderung an ihm gemacht hatte – wenn es nicht ein viel stärkeres Gefühl war, als er jemals bei ihr vermutet hatte.
    „Das ist mir gar nicht aufgefallen“, sagte er.
    „Es bekommt dir gut, mein Lieber – und es ist erstaunlich, wo du doch eine so schrecklich schwierige Zeit durchmachst.“
    Er fragte sich, ob dies eine Frage sein sollte. Sie hielt inne, als wartete sie auf eine Antwort, doch sie beharrte nicht darauf, sondern fuhr fort: „Ich weiß, dass du im Werk jede Menge Sorgen hast – und dann die politische Situation, die langsam bedrohlich wird, nicht wahr? Wenn sie diese Gesetze, über die sie gerade sprechen, verabschieden, wird es dich ziemlich hart treffen, nicht?“
    „Ja, das wird es. Aber das ist ein Thema, das dich sicher nicht interessiert, oder, Lillian?“
    „Doch, natürlich!“ Sie hob den Kopf und sah ihn direkt an. Ihre Augen hatten diesen leeren, verschleierten Blick, den er schon zuvor gesehen hatte, einen absichtlich geheimnisvollen Blick, in dem gleichzeitig die Sicherheit lag, dass er nicht hinter sein Geheimnis kommen würde. „Es ist von großem Interesse für mich … doch nicht wegen eventueller finanzieller Verluste“, fügte sie sanft hinzu.
    Er fragt sich erstmals, ob ihre Gehässigkeit, ihr Sarkasmus, die feige Art,

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