Der Streik
ihre Beleidigungen unter dem Schutz eines Lächelns auszusprechen, nicht das Gegenteil von dem waren, wofür er sie immer gehalten hatte – nicht eine Methode, um ihn zu quälen, sondern eine umgekehrte Form der Verzweiflung; nicht der Wunsch, ihn leiden zu lassen, sondern ein Eingeständnis ihres eigenen Leidens, eine Verteidigung ihrer Ehre als ungeliebte Ehefrau, ein geheimer Appell – sodass das Hintergründige, das Angedeutete, das Ausweichende in ihrem Verhalten, dieses Etwas, das verstanden werden wollte, keine offene Bösartigkeit war, sondern verborgene Liebe. Der Gedanke bestürzte ihn. Es machte seine Schuld noch viel größer, als er für möglich gehalten hätte.
„Wo wir schon von Politik reden, Henry, ich hatte einen vergnüglichen Gedanken. Die Seite, die du vertrittst … was ist der Slogan, den ihr alle so gern benutzt, das Motto, für das du angeblich einstehst? ‚Die Heiligkeit des Vertrages‘, so heißt es doch?“
Sie sah seinen flüchtigen Blick, die gespannte Aufmerksamkeit in seinen Augen, die erste Reaktion – sie hatte einen wunden Punkt getroffen. Sie lachte laut auf.
„Sprich weiter“, sagte er. Seine Stimme war leise, und es klang wie eine Drohung.
„Wozu, Liebling, du hast mich ganz gut verstanden.“
„Was wolltest du sagen?“ Seine Stimme war scharf, präzise und verriet keinerlei Gefühl.
„Möchtest du mich wirklich dazu erniedrigen, mich zu beschweren? Es ist so banal und eine so abgedroschene Beschwerde – obwohl ich tatsächlich dachte, dass ich einen Ehemann hätte, der darauf stolz ist, sich von geringeren Männern zu unterscheiden. Möchtest du, dass ich dich an deinen Schwur erinnere, mein Glück zu deinem Lebensziel zu machen? Und dass du bei aller Ehrlichkeit unmöglich sagen kannst, ob ich glücklich bin oder nicht, weil du dich nicht einmal erkundigt hast, ob ich noch lebe?“
Er empfand sie als körperliche Schmerzen – all die Dinge, die unbegreiflicherweise zugleich an ihm zerrten. Ihre Worte waren ein Flehen, dachte er – und er fühlte einen dunklen, heißen Schwall von Schuldgefühlen. Er empfand Mitleid – das kalte, hässliche Mitleid ohne Zuneigung. Er empfand einen gedämpften Zorn, wie eine Stimme, die er zu ersticken versuchte, eine Stimme, die voller Abscheu schrie: Warum soll ich mich mit ihren faulen, verdrehten Lügen auseinandersetzen? Warum soll ich mich um des Mitleids Willen foltern lassen? Warum soll ich die aussichtslose Anstrengung auf mich nehmen, ihr ein Gefühl zu ersparen, das sie nicht zugibt, ein Gefühl, das ich weder kennen noch verstehen noch versuchen kann zu erraten? Wenn sie mich liebt, warum ist sie dann zu feige, es einfach zu sagen, damit wir beide uns offen damit auseinandersetzen können? Er hörte eine andere, lautere Stimme, die eindringlich sagte: Schieb die Schuld nicht auf sie, das ist der älteste Trick aller Feiglinge. Du bist schuldig, egal, was sie tut, es ist nichts im Vergleich zu deiner Schuld. Sie hat recht. Es macht dich krank zu wissen, dass sie recht hat, nicht wahr? Soll es dich doch krank machen, du verfluchter Ehebrecher; sie ist es, die recht hat!
„Was würde dich glücklich machen, Lillian?“, fragte er mit tonloser Stimme.
Sie lächelte und lehnte sich entspannt in ihrem Stuhl zurück. Sie hatte sein Gesicht aufmerksam beobachtet.
„Ach, mein Lieber!“, sagte sie mit gelangweiltem Amüsement. „Das ist eine unlautere Frage. Das Hintertürchen. Die Befreiungsklausel.“
Sie erhob sich, ließ ihre Arme mit einem Schulterzucken fallen und streckte ihren Körper mit einer schwachen, anmutigen Gebärde der Hilflosigkeit.
„Was mich glücklich machen würde, Henry? Das solltest du mir sagen. Das hättest du für mich herausfinden sollen. Ich weiß es nicht. Du solltest es schaffen und mir anbieten. Das war deine Aufgabe, deine Pflicht, deine Verantwortung. Aber du wärst nicht der erste Mann, der an diesem Versprechen scheitert. Von allen Verpflichtungen ist diese die am leichtesten zu leugnende. Oh, du würdest niemals dein Wort brechen, wenn es um die Bezahlung einer Eisenerzlieferung ginge. Nur wenn es um ein Leben geht.“
Lässig bewegte sie sich durch das Zimmer, die hellgrünen Falten ihres Rockes in langen Bahnen um sie geschlungen.
„Ich weiß, dass Forderungen dieser Art nicht realistisch sind“, sagte sie. „Ich habe keine Hypothek auf dich, ich habe keine Sicherheit, keine Gewehre, keine Ketten. Ich habe keinerlei Druckmittel, Henry – nichts außer deiner
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