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Der Streik

Der Streik

Titel: Der Streik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ayn Rand
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unterzeichnete, nicht festgeschriebene Kredite an angebliche Eigentümer bankrotter Minen fließen zu lassen – Geld, das heimlich übergeben und entgegengenommen wurde, anonymes Bargeld wie bei einem kriminellen Geschäft; Geld, das in nicht einklagbare Verträge floss – wobei beide Parteien wussten, dass im Betrugsfall der Betrogene bestraft würde und nicht der Betrüger –, aber dennoch floss, damit sich weiterhin ein Strom aus Erz in die Hochöfen ergießen konnte, damit aus den Hochöfen weiterhin ein Strom aus weißem Metall fließen konnte.
    „Mr. Rearden“, fragte der Einkaufsleiter des Werks, „wenn Sie so weitermachen, wo bleibt dann Ihr Gewinn?“
    „Wir werden es durch die Produktionsmenge wettmachen“, sagte Rearden müde. „Wir haben einen unbegrenzten Markt für Rearden-Metall.“
    Der Einkaufsleiter war ein älterer Herr mit ergrauendem Haar, einem hageren, nüchternen Gesicht und einem Herzen, das, wie die Leute sagten, allein für die Aufgabe schlug, jeden Cent so oft umzudrehen, bis er das Letzte an Wert herausgeholt hatte. Er stand vor Reardens Schreibtisch und sagte nichts mehr, sondern sah ihn nur grimmig und mit schmalen Augen an. Es war ein Ausdruck der ehrlichsten Sympathie, die Rearden jemals gesehen hatte.
    Es gibt keinen anderen Weg, dachte Rearden, wie er es schon tage- und nächtelang gedacht hatte. Er kannte keine andere Waffe, als für das, was er wollte, zu zahlen, Wert gegen Wert einzutauschen, von der Natur nichts zu verlangen, ohne seine harte Arbeit dafür einzutauschen, von den Menschen nichts zu verlangen, ohne das Produkt seiner Arbeit dafür einzutauschen. Welche Waffen gab es noch, wenn Werte keine Waffe mehr waren?“
    „Einen unbegrenzten Markt, Mr. Rearden?“, fragte der Einkaufsleiter trocken.
    Rearden sah zu ihm auf. „Ich fürchte, ich bin nicht schlau genug, um die Art von Geschäften zu machen, die man heute braucht“, sagte er als Antwort auf die unausgesprochenen Gedanken, die in der Luft lagen.
    Der Einkaufsleiter schüttelte den Kopf. „Nein, Mr. Rearden, entweder das eine oder das andere. Ein und derselbe Kopf kann nicht beides können. Entweder Sie verstehen sich darauf, Ihr Werk zu führen, oder Sie verstehen sich darauf, nach Washington zu rennen.“
    „Vielleicht sollte ich mir ihre Methoden aneignen.“
    „Das könnten Sie nicht, und es würde Ihnen auch nicht helfen. Sie würden bei keinem dieser Geschäfte profitieren. Verstehen Sie denn nicht? Sie haben etwas, das geplündert werden kann.“
    Als er wieder allein war, fühlte Rearden wieder einen jähen blinden Zorn, wie er ihn schon früher verspürt hatte, schmerzvoll, kurz und plötzlich wie ein Stromschlag – den Zorn, der aus dem Wissen hervorbricht, dass man mit dem puren Bösen, dem nackten, bewussten Bösen, das weder Rechtfertigung hat noch sucht, nicht handeln kann. Doch als in ihm das Verlangen aufkam, aus Notwehr für die gerechte Sache zu kämpfen und zu töten, sah er das fette grinsende Gesicht von Bürgermeister Bascom vor sich und hörte, wie seine lallende Stimme sagte: „… Sie und die reizende Dame, die nicht Ihre Frau ist.“
    Damit gab es keine gerechte Sache mehr, und der Schmerz des Zornes verwandelte sich in den Schmerz schmachvoller Unterwerfung. Er hatte kein Recht, irgendjemanden zu verurteilen, dachte er, oder irgendetwas anzuprangern, zu kämpfen und glücklich zu sterben und sich dabei auf die Tugend zu berufen. Gebrochene Versprechen, uneingestandene Begierden, Untreue, Täuschung, Lügen und Betrug – all dieser Dinge hatte er sich schuldig gemacht. Welche Form von Unredlichkeit konnte er noch verachten? Das Ausmaß zählt nicht, dachte er, man feilscht nicht um ein bisschen mehr oder weniger böse.
    Als er zusammengesunken an seinem Schreibtisch saß und an die Redlichkeit dachte, die er nicht mehr für sich in Anspruch nehmen konnte, an den Sinn für Gerechtigkeit, den er verloren hatte, wusste er nicht, dass es ebendiese unbeirrbare Redlichkeit und sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn waren, die ihm nun seine einzige Waffe aus den Händen schlugen. Er würde die Plünderer bekämpfen, aber die Wut und die Leidenschaft waren verflogen. Er würde kämpfen, aber nur wie ein schuldiger Schuft gegen die anderen. Er sprach die Worte nicht aus, doch der furchtbare Schmerz sagte es ihm ebenso: Wer bin ich, den ersten Stein zu werfen?
    Er ließ seinen Oberkörper auf die Tischplatte fallen. … Dagny, dachte er, Dagny, wenn dies der Preis ist, den ich

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