Der Teufel in Thannsüß (German Edition)
war Wilhelm Ransmeier. Sagt Ihnen das etwas?“
Erik spürte, dass ihm der Weinbrand zu Kopf stieg. Er versuchte sich zu konzentrieren. „ Ransmeier war Arzt in Thannsüß, oder? Vor mehr als zehn Jahren, soweit ich weiß.“
„Aha, das stimmt“, sagte Gutenberg und nickte.
„Und sie glauben, dass zwischen dem Selbstmord des alten Ransmeier und dem Tod seiner Tochter und ihres Kindes ein Zusammenhang besteht?“
„In der Tat.“ Gutenberg schob seine Brille hoch.
„Aber das ist erst der Anfang“, sagte Wagner leise.
„Was meinen Sie?“ Erik drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und blickte dabei von Wagner zu Gutenberg. Er spürte ein Ziehen in der Magengegend.
Gutenberg stand auf. „Kommen Sie, Herr Strauss. Ich möchte Ihnen etwas zeigen.“
Eriks Hände umklammerten die Lehne des Sessels. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich es sehen will“, sagte er.
Wagner erhob sich ebenfalls. „Wir haben eine Vereinbarung, erinnern Sie sich? Wir helfen Ihnen, Sie helfen uns.“
„Was ich Ihnen zeigen möchte, ist nicht schön. Es ist schrecklich.“ Gutenberg lächelte traurig. „Aber ich denke, es wird Sie in Ihrem Vorhaben bestärken, uns zu helfen.“
Sie gingen durch die Wohnstube hinunter in die Praxis, vorbei an dem schlafenden Xaver Wrede und durch das Sprechzimmer in den Empfangsraum. Gutenberg schloss eine schwere Eisentür auf. Dahinter gähnte Dunkelheit. Der Arzt drückte einen Schalter, und die Finsternis wich gleißend hellem Licht. Treppenstufen aus grauem Beton wanden sich in die Tiefe. Ein schwacher Alkoholgeruch schlug ihnen aus der geöffneten Tür entgegen. „Keine Angst“, sagte Gutenberg. „Es ist nur ein Keller.“ Er ging voraus, und Erik folgte ihm zögernd.
Hinter ihm ließ Wagner ein trockenes Lachen hören, und Erik wandte sich zu ihm um. „Warum lachen Sie?“
Wagner betrat die Treppe und zog die Eisentür hinter sich zu. Die Tür fiel krachend ins Schloss. „Dies ist kein gewöhnlicher Keller, Herr Strauss.“
Eriks Hände tasteten den kühlen Stein ab, suchten nach Halt.
Wagner lächelte grimmig. „Riechen Sie das nicht?“ Er hielt die Nase in die Luft und schnupperte. „Das ist Formaldehyd. Willkommen in der Leichenhalle von Bruch.“
Glühbirnen tauchten die Betonwände in kaltes Licht. In der Mitte des rechteckigen Raumes stand ein Seziertisch aus poliertem Stahl. Er glänzte im Licht der Deckenlampen. In die Wände waren in regelmäßigen Abständen quadratische Metalltüren eingelassen. Gutenberg trat vor eine der Türen und öffnete sie. Kälteschwaden waberten aus der Öffnung. Gutenberg zog einen Metalltisch aus dem Fach. Unter einem weißen Leinentuch zeichnete sich ein kleines Bündel ab.
Er wandte sich zu Erik um. „Ein Kleinstadtarzt hat viele Aufgaben. Dies ist nur eine davon, obschon eine der unangenehmeren. Treten Sie näher.“
Erik verspürte keinerlei Bedürfnis, sich der Bahre zu nähern. Er ahnte, um was es sich bei dem Bündel unter dem Tuch handelte. Er wollte es nicht sehen. Er atmete tief durch, und die kalte Luft schmeckte nach Alkohol und Verfall.
„Gehen Sie schon“, sagte Wagner hinter ihm.
Erik setzte sich langsam in Bewegung. Das Rumoren in seinen Eingeweiden wurde mit jedem Schritt stärker. Vor der Bahre blieb er stehen. Er sah lange auf den kleinen Umriss hinunter, der sich unter dem Leinentuch abzeichnete. „Ist das das Kind, das im Schmelzwasserfluss gefunden wurde?“
Gutenberg blickte überrascht auf. „Woher wissen Sie das?“
„Ich habe in den Nachrichten davon gehört.“
„In den Nachrichten? In Thannsüß? Haben Sie ein Radiogerät da oben?“
„Ja.“
Gutenberg lächelte spöttisch. „Der Fortschritt macht anscheinend vor nichts Halt, nicht einmal vor Thannsüß.“
Er schlug das Tuch zurück. Darunter kam der verschrumpelte Körper eines Säuglings zum Vorschein. Die Haut war dunkel und faltig wie altes Leder. Eiskristalle funkelten darauf im Schein der Glühbirnen. Die winzigen Hände waren zu Fäusten geballt. Erik wandte sich ab.
„Das hier“, Gutenberg deutete auf den mumifizierten kleinen Körper, „hat ein Jäger vor einiger Zeit bei Weißenbach aus dem Schmelzwasserfluss gefischt. Es hatte sich im Ufergestrüpp verfangen. Der Jäger hat die Leiche zur Polizei gebracht. Aber die Polizei hat schnell gemerkt, dass ein Verbrechen, falls es je eines gegeben hat, weit zurückliegen musste. Also haben die zuständigen Beamten es zu mir gebracht.“ Er breitete das Tuch wieder
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