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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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mir zu kommen.«
    Der Mann entfernte sich schnell.
    »Sie sehen ja ganz erschrocken aus!« meinte der Baron.
    »Ich bin auch wirklich erschrocken!«
    »Was schreibt er denn?«
    »Er ist fort!«
    »Nicht doch!«
    »Ja. Da, lesen Sie!«
    Der Baron überflog die Zeilen und sagte dann:
    »Ein resoluter Kerl! Der hat Rasse!«
    »Und ich habe das Nachsehen!«
    »Es wird nicht so ernstlich gemeint sein. Er wird sich von Ihrem Boten finden lassen und gern bleiben, wenn Sie eine Kleinigkeit zu seinem Gehalte legen. Die Mehrausgabe will ich tragen, da ich einmal die Schuld auf mich nehme.«
    »Täuschen Sie sich nicht! Dieser Zander hat Grundsätze. Zudem ist er so vermögend, daß er sogar sehr fein von seinen Zinsen leben kann. Er braucht also keine Anstellung.«
    »Fatal! Doch warten wir es ab!«
    Der Bote hatte aber Zander nicht getroffen, denn derselbe hatte, ahnend, daß man ihm Jemand nachsenden werde, seine Schritte so beschleunigt, daß er gar nicht einzuholen gewesen war, zumal der Zellenwärter gar nicht gewußt hatte, welche Richtung er einschlagen solle.
    Zunächst begab Zander sich in ein Café, wo er gewohnt war, ungefähr um diese Tageszeit seine beiden Freunde, die Lieutenants von Hagenau und von Randau, zu treffen. Besonders hatte er sich dem Letzteren eng angeschlossen, und darum freute er sich, ihn bereits an seinem Tische vorzufinden.
    Das Zimmer hatte eine sehr hervorspringende Ecke, an welcher der Ofen stand. An der anderen Ecke, also hinter dem Ofen, befand sich der Tisch, an welchem die drei Bekannten ihren Morgentrunk zu sich zu nehmen pflegten. Saßen sie einmal da, so waren sie von den anderen Tischen aus gar nicht zu sehen.
    »So früh schon da?« fragte Randau, dem jungen Arzte die Hand entgegenstreckend.
    »Und Sie noch früher!«
    »Ich habe heute nicht Dienst; darum war ich ein Wenig überpünktlich, mein Lieber.«
    Die Kellnerin kannte bereits den Geschmack des Doctors. Sie brachte ihm, nachdem er geklingelt hatte, die bereit gehaltene Portion und kehrte dann in die Küche zurück, wo sie beschäftigt war.
    »Sie kommen mir heute ein Wenig verändert vor, mein bester Doctor,« bemerkte der Lieutenant.
    »In wiefern?«
    »So feierlich oder vielmehr so entschieden, als ob Sie irgend etwas Wohlüberlegtes im Schilde führten.«
    »Das ist auch in Wirklichkeit der Fall.«
    »Also errathen! Darf man neugierig sein? Oder ist es Berufsgeheimniß?«
    »O, Sie können es immerhin wissen. Ich beabsichtige nämlich, mich in der Residenz zu etabliren.«
    »Was Sie sagen! Sie sind ja hier kaum angetreten!«
    »So fällt mir das Abtreten um so leichter.«
    »Haben Sie sich mit Mars überworfen?«
    »So ungefähr. Wir waren in einer wichtigen Angelegenheit so verschiedener Ansicht, daß ich es für das beste hielt, in Zukunft solche Gegensätze zu vermeiden.«
    »Wann reisen Sie ab?«
    »Noch heute.«
    »Sapperlot! Das geht ja ungeheuer schnell!«
    »Ich kündige gar nicht erst.«
    »Nun, ich kann sehr zufrieden mit Ihrem Fortgehen sein. Ich werde Ihnen nachfolgen.«
    »Das wäre mir außerordentlich lieb. Aber der Dienst hält Sie. Sie sind nicht in dem Besitze einer so glücklichen und freien Selbstbestimmung wie ich.«
    »O, ich bin um meine Versetzung eingekommen und weiß aus bester Hand, daß man dies Gesuch gern berücksichtigen und meine Translocation möglichst beschleunigen wird.«
    »Gratulire!«
    »Danke!«
    »Es gefiel Ihnen natürlich in dieser Provinzialstadt nicht.«
    »Hm! Was das betrifft, so ließ es sich ja immerhin hier ziemlich leben; aber seit jener Affaire bei der Melitta, wissen Sie, ist mir Rollenburg verleidet. Ich mußte und muß auch noch als Zeuge dienen, leider gegen Kameraden. Das hat meiner hiesigen Stellung eine einigermaßen schiefe Richtung gegeben. Ich will fort.«
    »Bin doch neugierig, welches Resultat die Untersuchung ergeben wird. Man scheint sich Zeit nehmen zu wollen.«
    »Sehr leicht erklärlich, da ja Herren des Officiercorps verwickelt sind. Eine verteufelt fatale Angelegenheit!«
    Der Doctor wollte eine Bemerkung machen, hielt dieselbe aber zurück, weil vorn die Thür geöfffnet wurde und dabei auch sogleich eine laute Stimme erklang: »Keine Seele anwesend. Das ist schön! Da können Sie mir die lustige Geschichte erzählen, Herr Director.«
    Zander glaubte wirklich in diesem Augenblicke, daß sein Director, Doctor Mars, mit eingetreten sei; er winkte also dem Lieutenant Schweigen zu.
    »Ja, lustig war’s,« antwortete eine zweite Stimme. »So eine richtige

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