Der verlorne Sohn
Mädchenentführung, zwar nicht mit Gewalt, sondern durch List, aber doch eine Entführung. Jetzt hängt das dumme Ding, das sich gewehrt hat wie ein Teufel, bereits in der Dressur. Ja wirklich, kein Mensch da. Klingle einmal, Dicker!«
Die Glocke erscholl, und die beiden Eingetretenen, welche vorn Platz genommen hatten, ließen sich Wein geben.
Doctor Zander hatte nun zwar an der Stimme gehört, daß es nicht Mars sei, der Director genannt worden war. Doch ließen die gehörten Worte so deutlich auf etwas Verdächtiges oder wohl gar Gesetzwidriges schließen, daß die beiden Freunde durch leises Zunicken sich verständigten, ihre Anwesenheit nicht merken zu lassen.
Das Mädchen kam und brachte den Wein. Als sie sich wieder entfernt hatte, sagte die zweite Stimme:
»Hat sie die Thür fest zugemacht, Dicker?«
»Ja, Herr Director.«
»Schön. Was ich erzähle, braucht Niemand zu hören. Man wäre im Stande, mich zur Verantwortung zu ziehen!«
»Also prosit, und dann los! Ich bin neugierig, auf welche Weise Sie zu diesem prachtvollen Mädchen gekommen sind.«
»Hat Sie Dir also gefallen?«
»Ausgezeichnet! Verdammt appetitlich! Wäre ich nicht so ein alter Kerl, so müßte dieser Bissen mein werden. Das Wasser ist mir im Munde zusammengelaufen.«
»Ja, das hat noch Kraft und Kern. Das greift sich noch gesund und fest an. So etwas findet man beim Comödiantenvolke nicht.«
»Also aus einer Privatfamilie?«
»Ja, ihr Vater war Theaterdiener in der Residenz.«
»Und sie ist nicht Schauspielerin?«
»Nein.«
»Aber wie haben Sie es angefangen, sie als Tau-ma zu engagiren? Oder hatte sie sofort eingewilligt?«
»Als Tau-ma? Närrischer Kerl! Da wäre ich wohl schlecht angekommen. Als Cassirerin habe ich sie engagirt.«
»Als Cassirerin? Sapperment! Und ich bin Cassirer!«
»Habe keine Sorge! Du bleibst im Amte.«
»Aber was wird sie dazu sagen?«
»Nichts. Es wird eben gar nicht gelitten, daß sie Etwas sagt. Höre, wie ich es angefangen habe!«
Er erzählte von seinem Besuche bei seinem Bruder, von seinem Gange mit diesem in das Theater, von der Weigerung Emiliens, sich in Tricots sehen zu lassen, von seiner Unterredung mit ihr und ihrem Vater im Büdchen und von dem endlichen Engagement. Als er erwähnt hatte, daß sich Beide, sowohl der Vater wie auch die Tochter, unterschrieben hätten, sagte der Cassirer:»Ah, da sitzt sie also fest!«
»Ganz und gar. Sie kann nicht wieder fort.«
»Die Quittung gilt ja als Wechsel, weil das Wort Wechsel darin vorkommt. So steht es im Gesetz.«
»Freilich. Fügt sie sich nicht, so ist das eine gute Waffe. Diese Weibsen haben vor dem Worte Wechsel eine heillose Angst, obgleich es gar nicht so gefährlich ist.«
»Wie ging es unterwegs?«
»Sehr gut. Der Himmel hing ihr voller Pauken, Trompeten und Geigen; das war ihr anzusehen. Als wir dann hier ankamen, hatte der Geschäftsführer bereits Logis und Stallungen besorgt und empfing mich am Bahnhofe.«
»Er sagte mir, daß er nicht kleine Augen gemacht habe, als er das Mädchen erblickte.«
»Ja, das ist wahr. So eine Acquisition hatte er freilich nicht erwartet. Nun gab es aber ein großes Bedenken. Nämlich es durfte Niemand das Mädchen sehen.«
»Natürlich! Wer sie dann als Tau-ma ohne Unterleib erblickte, der ahnt sofort den Schwindel.«
»Da war es vortrefflich, daß der Geschäftsführer das kleine, leere Haus draußen vor der Stadt gemiethet hatte. Es wohnt kein Mensch darin. Dahin haben wir sie gebracht. Und dort wird sie versteckt bleiben bis zu ihrem ersten Auftreten. Kein Mensch kennt sie dann.«
»Wieviel Zeit wird bis dahin vergehen?«
»Hm! Eine Woche wenigstens.«
»Warum so lange?«
»Mensch, das mußt Du doch einsehen! Sie schämt sich jetzt beinahe, wenn man nur ihre Hände ansieht, bloß weil diese nicht bedeckt sind. Wenn sie auftritt, muß sie aber oben ganz entblößt gehen. Man muß ihr Schamgefühl abstumpfen oder ganz todt machen.«
»Das geht am Schnellsten mit der Peitsche.«
»Allerdings. Aber Du darfst nicht vergessen, daß ich sie nicht eher produciren kann, als bis sie es gern thut. Sonst braucht sie ja nur das Publikum um Hilfe anzurufen, und ich kann dann nur gleich zusammenpacken.«
»Ja, eine verdammt kitzliche Sache.«
»Ich hoffe, es fertig zu bringen.«
»Wann fangen wir denn an?«
»Habe schon angefangen.«
»Sapperlot! In welcher Weise denn?«
»Gestern Abend, gleich nachdem ich sie in das Quartier gebracht hatte. Die Andern, welche auch dort wohnen, waren
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