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Der verlorne Sohn

Der verlorne Sohn

Titel: Der verlorne Sohn Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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nicht noch einmal! Ich habe nämlich lesen gelernt!«
    »Und dennoch ist es Lüge!«
    »Gut. Hier hast Du die Lüge!«
    Es erfolgte ein klatschendes Geräusch, wie von einer Ohrfeige. Dann hörte man einen brüllenden Wuthschrei Scharfenberg’s. Es schien eine kleine Katzbalgerei stattzufinden, wobei aber Scharfenberg von den Anderen fest-und zurückgehalten wurde.
    »Ohrfeigen! Ohrfeigen zu geben!« schrie er. »Das kostet Blut! Nur Blut kann das abwischen! Verstanden!«
    »Pah! Ich bemerke nicht, daß meine Hand schmutzig ist. Du brauchst nicht auch noch abgewischt zu werden!«
    »Hund! Auch das noch!«
    Eine Flasche zertrümmerte an der Wand, und dann ertönte Hagenau’s Stimme:
    »Mensch, unterlaß diese Gassenbubenstreiche, sonst werde ich Dich noch einmal bei der Parabel nehmen!«
    »Genugthuung! Satisfaction muß ich haben. Morgen schicke ich Dir meinen Bevollmächtigten!«
    »Das laß nur sein! Mit Einem, der Ohrfeigen empfängt und seinen Ehrenschein nicht einlöst, schlage ich mich nicht.«
    »Ich werde Dich zu zwingen wissen! Ich haue Dich auf offener Straße krumm!«
    »Papperlapapp! Das geht nicht so schnell! Aber, höre, Mann, wenn ich mich auch nicht mit Dir schlage, so kommt es mir doch auf ein kleines Duellchen nicht an. Wie wäre es mit einem amerikanischen?«
    »Mir recht!«
    »Schön! Dir kann geholfen werden. Kinder, thut mir den Gefallen und gebt einmal das Geld wieder her, was Ihr von ihm gewonnen habt. Ich habe da einen famosen Gedanken! Eigene Erfindung!«
    »Hier, hier, hier!« schob man ihm die Summen zu.
    »So recht!« meinte er in befriedigtem Tone. »Jetzt, Scharfenberg, wollen wir sehen, ob Du Muth hast. Also, ein amerikanisches Duell.«
    »Ich habe bereits gesagt, daß ich einverstanden bin.«
    »Nur sachte! Ich meine nämlich ein echtes Yankee-Duell, wobei der Mammon eine Rolle spielt. Ich will Dir die Satisfaction nicht verweigern. Ich biete sie Dir in Geld, und Du brauchst ja Geld. Hier sind Deine zehntausend Gulden, das heißt, die sogenannten zehntausend. Die setze ich, und Du setzest Dein Leben. Wir würfeln. Wer am höchsten wirft, gewinnt. Gewinne ich, so hast Du Dich binnen heute und einer Woche zu erschießen, gewinnst aber Du, so sind die zehntausend Gulden Dein.«
    »Verflucht schneidige Idee!« lachte eine Stimme.
    »Ja, meine eigene Erfindung!« schnarrte Hagenau. »Aber ich glaube nicht, daß dieser Mann den Muth hat, darauf einzugehen. Er zittert vor Angst schon!«
    War diese Idee nur dem Weinrausche entsprungen, oder meinte Hagenau es wirklich ernst? Auch Scharfenberg war betrunken, mehr noch als die Anderen; er hatte ja gleich eine volle Flasche geleert. Er dachte daran, daß er sein Geld wiedergewinnen und dabei seinen Muth beweisen könne; an das Verlieren aber dachte er nicht.
    »Du irrst Dich!« sagte er höhnisch. »Mein Muth ist wohl noch ein anderer, als der Deinige. Ich beweise es Dir, indem ich darauf eingehe.«
    »Du nimmst an?«
    »Ja.«
    »Dein Leben gegen diese Papiere?«
    »Ja.«
    »Hört Ihr’s? Habt Ihr’s gehört?«
    »Ja, ja,« antwortete es.
    »Einen Becher mit drei Würfeln her! So! Hier, Scharfenberg! Du bist der Beleidigte. Wirf zuerst!«
    Man hörte die Würfel im Becher klirren und dann auf den Tisch fallen. Hagenau zählte:
    »Fünf und fünf und vier macht vierzehn! Stimmt’s?«
    »Ja,« antwortete Scharfenberg in frechem Tone.
    »Alle Teufel! Ich glaube, das Geld ist verloren. Na, wir wollen sehen, was zu machen ist.«
    Er schüttelte die Würfel im Becher und warf.
    »Tausend Donner!« rief er. »Was ist denn das? Sechs, fünf und vier, macht fünfzehn. Gewonnen! Gewonnen! Kinder, nehmt Euer Geld wieder! Scharfenberg, das Wort ist der Mann. Heute in einer Woche! Verstanden?«
    »Hole Euch alle der Teufel!«
    Mit diesen Worten kam er aus dem Spielsalon gestürzt. Er riß seine Kopfbedeckung vom Nagel und eilte davon, ärmer noch, als er heute am Morgen gewesen war, trotzdem er zehntausend Gulden aufgenommen hatte. –
Zweites Capitel
Falschmünzer
    Der Jude Salomon Levi besaß in der Wasserstraße nicht nur das Haus, welches er bewohnte, sondern noch mehrere, welche allerdings in ziemlich baufälligem Zustande sich befanden und an arme Leute vermiethet waren, ihm aber doch sehr reichliche Zinsen der darin angelegten Capitalien brachten.
    Es war Abend. In der oberen Giebelstube eines dieser Häuser, vier schmale, hölzerne Treppen hoch, saß ein Mann bei einer spärlich genährten Lampe am Tische und arbeitete.
    Der Griffel, welchen er

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