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Die Autobiographie: Die Ursache / Der Keller / Der Atem / Die Kälte / Ein Kind (German Edition)

Die Autobiographie: Die Ursache / Der Keller / Der Atem / Die Kälte / Ein Kind (German Edition)

Titel: Die Autobiographie: Die Ursache / Der Keller / Der Atem / Die Kälte / Ein Kind (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Bernhard
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wahrscheinlich, weil sie selbst diese Antworten nicht bekommen hatten, sie rächten sich mit ihrer Antwortlosigkeit. Hatte ich aber auch ein wirkliches Interesse an meiner Herkunft, also ein wirkliches Interesse an diesen Geheimnisträgern, die in den Tod geflüchtet sind, die sich am Ende ihres Lebens aufgelöst haben, vollkommen aufgelöst ohne ihre Rätsel, mit welchen ich jetzt, hier im Bett liegend, meine spekulative Unzucht trieb? Ich weiß es nicht. Die Fragen blieben, sie vermehrten sich mit der Zeit, mit der Ungeschicklichkeit meiner Existenz, mit meinem Erkenntniswillen. Das Hiersein auf die Probe stellen und von seinen Fundamenten nichts wissen? Ich existierte zu einem Großteil meiner Existenz aus dem Nichtwissen, nicht aus Ahnungslosigkeit. Woher aber bezog ich meine Beweise, die rechtsgültigen sozusagen, die vor mir standhielten? Ich hatte niemals aufgehört, an die Beweise zu kommen, mein ganzes Leben war ich nach Beweisen für meine Existenz aus gewesen, einmal mehr, einmal weniger intensiv, aber immer inständig und konsequent, hatte ich aber solche Beweise in Händen und hatte ich sie im Kopf, waren sie doch nicht stichhaltig genug, erwiesen sie sich als unbrauchbar, irreführend, als Rückschritt. Ich befaßte mich naturgemäß auch mit den Beweggründen, die mich veranlaßten, an Beweise für meine Herkunft zu kommen, ich verachtete zeitweise die Intensität, mit welcher ich unbedingt solche Beweise haben wollte, weil ich wußte, daß sie nicht unbedingt notwendig sind, wollte ich nicht Gericht sein, bereit, abzuurteilen, Recht zu sprechen, wo ich überhaupt kein Recht hatte. Am Ende der Neugierde würde etwas herauskommen, von dem ich bis jetzt nichts gewußt habe und das mir alles erklärt, hatte ich gedacht. Ganze Nächte verbrachte ich damit, meine schlafenden Mitpatienten zu beobachten und meine Herkunft zu erforschen, ich hatte mir diese Praxis angewöhnt, aber nicht zur Methode gemacht. Wenn ich nicht schlafen konnte und ganz einfach an das Einschlafen nicht mehr zu denken gewesen war, aus was für einem Grund immer, ging ich in das Dickicht hinein, um es zu lichten, aber es lichtete sich nicht. Ich erkannte die Personen in der Finsternis des Dickichts an ihren Gewohnheiten, nicht an ihren Gesichtern, die nicht zu sehen waren. Diese Personen meiner Geschichte waren aber nicht gewillt, sich auf mein Spiel einzulassen, sie hatten die Beweggründe meiner Expedition durchschaut, sie verachteten mich, wo sie mir begegneten, und verzogen sich auf der Stelle. Ich näherte mich meinen Mitpatienten vorsichtig, mit der gleichen Vorsicht, mit welcher sie mich an sich herankommen ließen, sie hielten wie ich aus Selbsterhaltungstrieb auf Distanz, wenn ich mich auch beteiligte, war ich doch mehr der Beobachter als das Mitglied der ganzen Gesellschaft, die dieses muffige Haus bevölkerte. Auf der einen Seite standen die Ärzte, die mein Mißtrauen mit Arroganz quittierten, mit Untätigkeit, mit ihrem tagtäglichen medizinischen Leerlauf, auf der anderen standen die Patienten, die mich nicht als zu ihnen gehörig anerkannten, nicht anerkennen konnten, ich war nicht durchschaubar gewesen für sie, vielleicht doch nur eine vorübergehende Erscheinung, mit welcher sich eindringlicher zu befassen es sich nicht auszahlte, eine zu leichtgewichtige Nummer für sie, kein Vollpatient als Todeskamerad ihresgleichen. Ich hatte mich eine Zeitlang bemüht, zu ihnen zu gehören, ich schaffte es nicht, ich mußte mich wieder zurückhalten, ich war wieder in die Reserve gegangen. Ich hatte ihren Witz nicht, ihre Gleichgültigkeit, ihre Gemeinheit, weil ich meinen Witz hatte, meine Gleichgültigkeit, meine Gemeinheit, meine mir ureigene Perversität, mit welcher ich mich von vornherein von ihnen ausschloß. Die Entscheidung war längst gefallen, ich hatte mich für den Abstand entschieden, für den Widerstand, für mein Weggehen, ganz einfach für das Gesundwerden, nachdem ich mich eine Zeitlang ihrer Übermacht ausgeliefert gehabt hatte. Mein Existenzwille war größer als meine Sterbensbereitschaft, also gehörte ich nicht zu ihnen. Das heißt nicht, daß die Oberfläche der Tagesabläufe nicht das Bild der Zugehörigkeit zeigte, ich trat ja wie sie in Erscheinung, tat, was sie taten, bewegte mich wie sie, möglichst unauffällig. Aber mein Widerstand war ihnen nicht entgangen, auch den Ärzten nicht, dadurch hatte ich naturgemäß immer Schwierigkeiten, ich war in jedem Falle immer der Widerspruchsgeist, mit welchem

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