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Die Blutgraefin

Die Blutgraefin

Titel: Die Blutgraefin Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolfgang Hohlbein
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das
Schwert anlegte, kam er sich wie ein Verräter vor. Es schien ihm,
dass er aus einem bloßen Verdacht eine Unterstellung machte, indem
er die Waffe umband.
    Er verließ das Zimmer und trat in den dunklen Gang. Unten, am
Ende der Treppe, brannte zwar eine einzelne Kerze, die in der leichten Zugluft flackerte, doch die Insel aus trüb gelber Helligkeit schien
die sie umgebende Dunkelheit eher noch zu betonen. Andrej blieb
auf der obersten Stufe stehen und lauschte mit geschlossenen Augen.
Niemand war im Haus. Maria hatte nicht nur das Zimmer, sondern
das Gebäude verlassen. Er erwog einen Moment, nach dem Mädchen
zu rufen, entschied sich dann dagegen und ging auf Zehenspitzen die
ausgetretenen Stufen hinab. Selbst seine scharfen Augen vermochten
die Dunkelheit, die ihn umgab, kaum zu durchdringen. Dennoch
konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Gebäude weitaus schäbiger und baufälliger war, als es bei seiner Ankunft gewirkt
hatte.
    Er verwarf den Gedanken, zunächst die anderen Zimmer im Untergeschoss zu durchsuchen. Weder Maria noch das Mädchen waren in
einem der angrenzenden Räume. In der Stille, die dort herrschte, hätte er ihre Atemzüge oder ihren Herzschlag hören müssen. Also
wandte er sich dem Ausgang zu und öffnete die Tür, während seine
linke Hand sich auf den Schwertgriff senkte.
    Eisige Kälte und schneidender Wind schlugen ihm entgegen. Der
Hof lag in nahezu vollkommener Dunkelheit vor ihm. Obwohl der
Himmel wolkenlos war, schienen die Sterne ihre Leuchtkraft eingebüßt zu haben. Er konnte erkennen, dass es wieder geschneit haben
musste, denn die Spuren, die er, Blanche und dessen Pferd am
Nachmittag hinterlassen hatten, waren verschwunden. Nur eine einzige, schmale Spur führte von der Tür aus hinüber zu dem gedrungenen Schatten, den der zerfallende Turm warf. Allem Anschein nach
war Elenja dorthin gegangen, um den Befehl ihrer Herrin auszuführen und Blanche ins Wohnhaus zu bitten, aber von dort nicht zurückgekommen.
    Andrej zog den Mantel enger um die Schultern. Die Kälte machte
ihm wieder stark zu schaffen. Obwohl der Schnee kaum knöcheltief
war, bereitete es ihm Mühe, vorwärts zu kommen. Als er den Turm
erreicht hatte, zitterte er vor Kälte und seine Finger waren so steif
gefroren, dass sie schmerzten.
    Gebückt und mit äußerster Vorsicht trat er durch den Eingang und
schob sich mit dem Rücken an der Wand entlang, um nicht in das
Loch im Fußboden zu stürzen, das er am Abend entdeckt hatte. Seine
Nase registrierte wieder jenen unangenehmen Geruch nach Alter,
Fäulnis und Verfall. Er glaubte, ein verstohlenes Huschen und Tappen zu hören. Wahrscheinlich wimmelte es dort unten von Ratten
und anderem Ungeziefer. Andrej konzentrierte sich jedoch auf den
oberen Teil des Gebäudes. Er wusste, dass er Marias Beschützer dort
nicht antreffen würde, noch bevor er die schmale, in halsbrecherischem Winkel in die Höhe führende Steintreppe auf der Rückseite
des Raumes erreichte und nach oben zu steigen begann.
    Er gelangte in einen halbrunden, zugigen Raum, in dem es keinerlei
Möbel gab. Lediglich die Trümmer der zusammengebrochenen
Wände bildeten ein heilloses Durcheinander. Schnee und moderndes
Blattwerk waren hereingeweht worden und verbanden sich zu einer
matschigen Schicht auf dem Boden, in dem seine Schritte deutliche
Geräusche verursachten und sichtbare Spuren hinterließen. Es waren
die einzigen Spuren. Blanche war nie dort gewesen. Auch wenn Maria ihm gesagt hatte, dass er in diesem Turm wohnte, konnte das
nicht stimmen.
    Andrej überlegte einen Moment, auch das nächsthöhere, fast völlig
verfallene Stockwerk zu durchsuchen, wandte sich dann aber wieder
der Treppe zu.
    »Anscheinend müsst Ihr Euch erst den Hals brechen, bevor Ihr auf
mich hört. Ich habe Euch doch gewarnt, dass es hier gefährlich ist.«
Erschrocken fuhr Andrej zusammen, als die Stimme vom unteren
Ende der schmalen Stiege an sein Ohr drang. Erst dann sah er die
schlanke, hoch gewachsene Gestalt, deren Umriss sich als Schatten
dort unten abzeichnete.
»Ich überzeuge mich eben gerne selbst«, sagte er und ging langsam
weiter. Seine Hand lag immer noch auf dem Schwert.
»Wovon?«, fragte Blanche.
»Von allem«, antwortete Andrej ausweichend. Er ging schneller,
war aber gezwungen stehen zu bleiben, als nur noch zwei Stufen vor
ihm lagen, da der Weißhaarige keine Anstalten machte, zur Seite zu
treten, um ihm den Weg freizugeben. »Gräfin Berthold hat

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