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Die Enden der Parabel

Titel: Die Enden der Parabel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Pynchon
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Toleranzen in der Steuerung kooperieren zum idealen Schuß, genau auf Pöklers Kopf ... ah, Weißmann, deinem Endspiel fehlt Finesse - aber es hat niemals Zuschauer gegeben, niemals Richter, all die Jahre nicht, und wer hat je behauptet, daß das Ende nicht derart brutal sein könnte? Pökler im Griff der Paranoia, überschwemmt bis zu den Schläfen und zum Skalp. Vielleicht macht er sich in die Hosen, er weiß es nicht. Sein Puls pocht hoch in seinem Hals. Seine Hände und Füße schmerzen. Die blonden Vollzugsgehilfen in den schwarzen Uniformen blicken ungerührt. Ihre metallischen Abzeichen blitzen. Flache Hügelflanken liegen im frühen Sonnenlicht. Das Aggregat ist auf dem Weg, nichts mehr läßt sich ändern. Keiner sonst hier kümmert sich um das Innerste des Augenblicks, oder um letzte Geheimnisse: es waren zu viele rationale Jahre. Zu hoch, zu weit hat sich das Papier gestapelt. Es gelingt Pökler nicht, nicht wirklich, seinen Traum vom vollkommenen Opfergang in Einklang zu bringen mit seinem anerzogenen Bedürfnis, sich um das perfekte Funktionieren zu sorgen - aber er kann auch nicht sehen, wie beides ein und dasselbe sein könnte. Schließlich muß das A 4 bald zum Einsatz kommen, die Rate der Fehlschüsse muß verringert werden, aus diesem Grund ist hier, wer hier ist, und wenn es zu einem kollektiven Tunnelblick kommt an diesem Morgen auf der polnischen Wiese, wenn selbst der Paranoideste unter ihnen nicht mehr fähig ist, irgend etwas außerhalb des definierten Rasters zu erkennen, dann gilt das sicher nicht allein für diesen Ort oder diesen Zeitpunkt oder diese Augen, die an die Okulare schwarzer Gläser gepreßt sind und nach nichts anderem suchen als der ersten Ankündigung der "störrischen Jungfrau" -wie die witzigen Raketiere ihre Problemkinder getauft haben -, um zu verfolgen, wie das
    Auseinanderbrechen verläuft, ob es an Spitze oder Heck beginnt, welche Gestalt die Dampfspur hat, welches Geräusch die Explosion begleitet, alles, was irgend helfen könnte...
    In Sarnaki, wie die Protokolle verzeichnen, kam die Rakete an diesem Tag mit dem üblichen Doppelknall herunter, ein kurzer Kondensstrich auf dem Blau des Himmels -wieder ein Luftzerleger. Stählerne Fragmente hagelten in den Roggen, keine fünfzig Meter vom Punkt Null entfernt. Pökler sah die Explosion, sah nicht mehr als jeder andere auch. Er wurde nie wieder hinausgeschickt. Die SS-Männer beobachteten, wie er sich auf die Füße rappelte und streckte und langsam mit den anderen abzog. Weißmann würde seinen Bericht kriegen. Neue Varianten der Folter würden folgen. Doch im Inneren von Pöklers Leben, nirgends verzeichnet als in seiner Seele, seiner armen, gequälten deutschen Seele, hat sich die Zeitbasis gestreckt, verlangsamt: die ideale Rakete ist immer noch dort oben, immer noch auf ihrem absteigenden Ast. Er erwartet sie noch immer - selbst jetzt, allein in Zwölfkinder, da er auf "Ilse" wartet, auf die Rückkehr dieses Sommers und mit ihr auf eine Explosion, die ihn überraschend treffen wird ...
    Im Frühjahr, als die Winde in Peenemünde auf Südwest gedreht hatten und die ersten Zugvögel heimgekehrt waren, wurde Pökler in die unterirdische Fabrik bei Nordhausen im Harz versetzt. Ein Teil der Arbeiten in Peenemünde war nach dem englischen Angriff allmählich abgebaut worden. Der Plan - wieder von Kammler -ging jetzt dahin, Tests und Fertigung über Deutschland zu verteilen, um einem zweiten und womöglich tödlichen Angriff der Alliierten vorzubeugen. Pöklers Aufgaben in den Mittelwerken waren Routine: Materialprüfung und -beschaffung. Er schlief in einer Koje neben einer Mauer aus gesprengtem Stein, weiß getüncht, mit einer Glühbirne über seinem Kopf, die die ganze Nacht brannte. In seinen Träumen war diese Birne ein Vertreter Weißmanns, ein Lebewesen, dessen leuchtende Wendel seine Seele waren. Sie führten lange Traumdialoge, an deren Inhalt sich Pökler nie erinnern konnte. Die Glühbirne erklärte ihm alle Einzelheiten der Verschwörung - sie war gewaltiger, umfassender, als Pökler selbst es sich je hätte ausmalen können, schien reine Musik zu sein in manchen Nächten, eine Klanglandschaft, durch die sich sein Bewußtsein bedrängt und beobachtend bewegte, passiv und auf prekäre Weise sicher, aber nicht mehr für lange. Zur selben Zeit waren Gerüchte aufgetaucht, die von einer Entfremdung zwischen Weißmann und seinem "Monstrum" Enzian wissen wollten. Das Schwarzkommando war mittlerweile aus dem Gefüge

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