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Die Enden der Parabel

Titel: Die Enden der Parabel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Pynchon
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fangen. Aus diesem Grund war Pökler hier. Er arbeitete zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Triebwerksentwicklung, überhaupt nicht mehr als Konstrukteur - er war in der Materialstelle gelandet und dort für die Beschaffung diverser Kunststoffe für Isolierung, Schockdämpfung und Dichtungen verantwortlich -aufregendes Zeug! Der Marschbefehl nach Blizna war merkwürdig genug gewesen, um Weißmanns Werk zu sein: an dem Tag aber, da sich Pökler an genau der Stelle auf eine polnische Wiese setzen mußte, wo eine Rakete niedergehen sollte, war er sich seiner Sache sicher.
    Meilenweit im Umkreis sanfte Hügel und grüner Roggen: Pökler saß neben einem kleinen Schützengraben im Zielgebiet von Sarnaki und hielt sein Doppelglas nach Süden, in Richtung
    Blizna, gerichtet wie alle anderen: Erwartung im Fadenkreuz, während sanfte Wellen durch den Flaum des frisch ausgetriebenen Roggens liefen, aufgekämmt vom Wind ... sieh hinab auf diese Landschaft, hinab durch Raketenmeilen von morgendlichem Raum: die Schattierungen des Wäldergrüns, die weißen und braunen Punkte der polnischen Bauernhäuser, die schwarzen Aale der Flüsse, die in ihren Windungen die Sonne fangen... und unten, dort, genau im Zentrum, im heiligen X gekreuzigt Pökler, unsichtbar auf den ersten Blick, aber gleich ... jetzt schon aufgelöst, da sich der Sturz beschleunigt -
    Doch wie kann Pökler an ihre Realität dort oben glauben? Insekten brummen, die Sonne ist beinahe warm, er kann in rote Erde und Millionen von sich wiegenden Halmen starren und dabei fast in eine leichte Trance verfallen: in Hemdsärmeln, die knochigen Knie aufgestellt, die graue Anzugjacke, verknautscht von Jahren ohne Bügeleisen, unter den Arsch gefaltet, um den Tau aufzusaugen. Die übrigen Mitglieder des Zielbeobachtungskommandos sind über das Feld Null verteilt, fröhliche Nazi-Butterblumen - Feldstecher baumeln an schiefergrauen Pferde-lederriemen von ihren Hälsen, die Askania-Mannschaft fummelt an ihrem Gerät herum, einer der SS-Verbindungsmänner (Weißmann ist nicht hier) schaut abwechselnd auf seine Uhr, dann auf den Himmel, dann wieder auf die Uhr, deren
    Glas in kurzem Morseblitzen, ein und aus, zu einem perlmuttfarbenen Kreis wird, der die Stunde mit dem Himmel und seinen Schäfchenwolken verbindet. Pökler kratzt sich seinen ergrauenden Zweitagesbart, beißt sich auf Lippen, die so aufgesprungen sind, als hätte er im Freien überwintert: er hat ein Wintergesicht. Rund um seine Augen hat sich im Lauf der Jahre eine Ruinenlandschaft aus aufgeplatzten Adern, Schatten, Falten, Krähenfüßen gebildet, ein Hintergrund, der den geraden, offenen Blick seiner jüngeren, ärmeren Tage bereits überdeckt... nein. Bereits damals lag etwas in seinen Augen, etwas, das andere sahen und von dem sie wußten, daß und wie sie es benutzen konnten. Pökler selbst hat es nie bemerkt. Er hat genügend Zeit seines Lebens damit zugebracht, in Spiegel zu blicken. Eigentlich sollte er sich erinnern...
    Der Luftzerleger wird sich, wenn überhaupt, in Sichtweite ereignen. Abstraktionen, Formeln, Modellversuche sind schön und gut, doch wenn man damit durch ist und immer noch alles Hilfe schreit, endet man hier: mit seinem Hintern auf dem Zielpunkt sitzend, neben flachen, lächerlichen Splittergräben als einzigem Schutz, um die lautlose Feuerblume ihrer letzten paar Sekunden zu beobachten und selbst zu sehen, was es zu sehen gibt. Natürlich stehen die Chancen astronomisch hoch gegen einen exakten Treffer, weshalb man hier am Zielpunkt auch am sichersten ist. Raketen sollen sich genau wie konventionelle Granaten verhalten: sie streuen in einer riesigen Ellipse rund um ihr Ziel -der Ellipse der Unbestimmtheit. Doch obwohl Pökler, so sehr wie jeder andere Wissenschaftler, der Unbestimmtheit vertraut, fühlt er sich nicht allzu wohl in seiner Haut. Schließlich ist es immer noch sein eigener, höchstpersönlicher Arsch, dessen bebenden Schließmuskel er hier auf die Mitte der Fläche Null zentriert. Und da steckt mehr dahinter als nur Ballistik: Weißmann. Es gibt genügend Chemiker und Materialbeschaffer, die genauso gut über die Isolierungen Bescheid wissen wie Pökler ... aus welchem Grund sollte man genau auf ihn gekommen sein, wenn nicht ... zwei Brennpunkte in seinem Hirn beginnen sich zu überlagern, werden eins ... die Nullellipse ... ein einziger Punkt ... ein scharfer Sprengkopf, heimlich geladen, besondere Bunker für die anderen ... ja, das ist es, was er will... alle

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