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Die Enden der Parabel

Titel: Die Enden der Parabel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Pynchon
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der Waffen-SS herausgewachsen, ähnlich wie diese selbst aus dem der Wehrmacht. Die Stärke seiner Position beruhte nicht mehr auf seinen Waffen, sondern auf Wissensstand und Fachkenntnissen. Pökler freute sich zu hören, daß auch Weißmann seine Probleme hatte, wußte aber für sich selbst keinen Vorteil daraus zu ziehen. Als die Versetzungsorder nach Nordhausen bei ihm eingetroffen war, hatte er einen Anfall von akuter Verzweiflung erlebt. Sollte das heißen, daß die Partie unterbrochen war? Daß er Ilse womöglich nie wiedersehen würde? Dann war eine Notiz gekommen, er solle sich bei Weißmann in dessen Amtsstube melden. . ä
    Das Haar an Weißmanns Schläfen war grau geworden und stand nach allen Seiten ab. Pökler bemerkte, daß ein Bügel seiner Brille notdürftig mit einer Büroklammer befestigt war. Sein Schreibtisch war ein Verhau aus Papieren, Berichten, Fachbüchern. Pökler war überrascht, daß er weniger diabolisch als zermürbt aussah, wie ein Beamter unter Druck. Seine Augen waren auf Pökler gerichtet, doch die Linsen verzerrten sie.
    "Sie begreifen doch, daß diese Versetzung nach Nordhausen auf freiwilliger Basis erfolgt ?"
    Pökler begriff, erleichtert und für zwei Sekunden tatsächlich etwas wie Liebe fühlend für seinen Beschützer, daß das Spiel weiterging. "Es wird etwas Neues für mich sein."
    "Ja?" Halb Zweifel, halb auch Interesse.
    "Serienfertigung. Wir haben hier so viel mit Grundlagenforschung und Entwicklung zu tun gehabt. Es ist für uns ja weniger eine Waffe als ein , wie Dr. Thiel einmal sagte -" "Sie vermissen Dr. Thiel?"
    "Ja. Er war nicht in meiner Abteilung. Ich kannte ihn nicht besonders gut."
    "Ein Jammer, daß es ihn bei dem Angriff erwischt hat. Wir bewegen uns alle in einer
    Ellipse der Unbestimmtheit, nicht wahr?"
    Pökler erlaubte sich einen Blick auf den überfüllten Schreibtisch, kurz genug, um Zeichen von Nervosität oder Anspielung zu sein - scheinen hier ja unsere eigene Ellipse zu haben, Weißmann, was? "Oh, normalerweise bleibt mir gar keine Zeit, mir Sorgen zu machen. Immerhin sind die Mittelwerke unterirdisch. " "Das werden die Schußstellen nicht sein." "Glauben Sie, man könnte mich -"
    Weißmann zuckte die Achseln und bedachte Pökler mit einem breiten, falschen Lächeln. "Mein lieber Pökler, wer kann schon vorhersehen, wo Sie landen werden? Wir müssen abwarten, wie sich alles entwickelt."
    Später, in der Zone, als seine Schuld etwas Physisches geworden war, das in seinen Augen und Ohren brannte wie eine Allergie, sollte Pökler glauben, daß ihm die Wahrheit selbst damals, selbst zum Zeitpunkt dieses Besuchs bei Weißmann, nicht hätte verborgen bleiben können. Daß er sie mit seinen Sinnen erfaßt, dann aber zugelassen hatte, daß die Indizien falsch genug abgelegt wurden, um ihn nicht mehr zu berühren. Daß er alles gewußt hatte, aber vor der einzigen Handlung zurückgeschreckt war, die ihn vielleicht gerettet hätte: Weißmann zu erdrosseln, wie er hier vor ihm saß mit den Hautfalten des dünnen Halses und dem Adamsapfel, deren Verrutschen er unter seinen Handflächen gespürt, den dicken Brillengläsern, deren Fallen ihm die Hilflosigkeit der kleinen Augen preisgegeben hätte, den scharf zu sehen, der sie brach ...
    Pökler half mit seiner eigenen Blindheit. Er wußte von Nordhausen und dem Dora-Lager: Er konnte sie sehen - die ausgemergelten Körper, die Augen der Zwangsarbeiter, die jeden Morgen um vier Uhr durch klirrende Kälte und Dunkelheit in die Fabrik getrieben wurden, schlurfende Tausendschaften in gestreiften Kitteln. Und er hatte gewußt, von Anfang an, daß Ilse in einem Umerziehungslager lebte. Aber erst im August, als wie gewohnt in einem unbeschrifteten Umschlag aus Packpapier der Urlaubsschein bei ihm eintraf und Pökler nach Norden fuhr, durch graue Kilometer eines Deutschland, das er nicht wiedererkannte, zerbombt und ausgebrannt, Kriegsdörfer und regnerische Purpurheide, und sie schließlich in Zwölfkinder in der Hotelhalle wartend fand, die gleiche Dunkelheit in ihren Augen (wie hatte er sie bisher übersehen können? schwimmende Augenhöhlen, voll von Schmerz) - erst in diesem Augenblick gelang es ihm, die beiden Daten zu verbinden. Monatelang, während ihr Vater jenseits des Stacheldrahts oder der Mauern seinem pflichtgetreuen Kleinkram nachgegangen war, hatte sie wenige Meter neben ihm als Gefangene gelebt, mißhandelt, vielleicht vergewaltigt ... Wenn er Weißmann verfluchen wollte, mußte er auch sich selbst

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