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Die Enden der Parabel

Titel: Die Enden der Parabel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Pynchon
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die Anubis heran, wird keineswegs deutlicher, je dichter sie aufschließen. Der Springer greift sich ein Megaphon aus dem Ruderhaus und brüllt: "Guten Tag, Procalowski - bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen." Die Antwort ist ein Gewehrschuß. Springer wirft sich auf das Deck, die Regenhaut eine knatternde gelbe Woge, landet auf dem Rücken, bekommt von der Flüstertüte Regen in den Mund getrichtert: "Dann müssen wir eben ohne Erlaubnis -" Er winkt zu Slothrop hinüber: "Los, mach dich fertig zum Entern!" Zu Frau Gnahb: "Wir müssen Leinen festmachen."
    "Fein, aber", ein Blick auf die lüsterne Tücke, die aus dem Gesicht von Ottos Mutter leuchtet, und es ist klar, daß sie heute nicht für Geld dabei ist, "wann komme ich dran, sie zu rammen ?"
    Allein auf See mit der Anubis. Slothrop hat vor Unbehagen zu schwitzen begonnen. Hinter ihnen sinkt und steigt die grüne Felsenküste von Rügen durch die Sturmböen. Zonggg, noch ein Schuß, der von einem Lukendeckel querschlägt. "Rammen", befielt der Springer. Der Sturm bricht ernstlich los. Frohlockend wirbelt Frau Gnahb, ein Liedchen durch die Zähne summend, ihr Rad in einem speichenlosen Kreis herum, der Kutter geht über den Bug, zielt mittschiffs auf die Anubis. Die weiße Bordwand rast heran - wird die Grause Gnahb sie durchstoßen wie einen papierbespannten Reifen? Gesichter hinter Bullaugen, Koch schält Kartoffeln vor der Kombüse, Betrunkener im Gehrock schläft auf dem regennassen Deck, rollt mit dem Rollen des Schiffs ... ah - ja, ja, eine riesige blaugeblümte Schüssel voller geschnetzelter Kartoffeln neben ihrem Ellenbogen, ein Fenster,
    Blüten aus Schmiedeeisen auf einer Spirale wilden Weins, alles in Weiß, ein schwacher Duft nach Kohl und Putzlappen von unter dem Spülstein, ein Schürzenband, angeschmiegt und fest über ihren Nieren und Lammfell um ihre Beine und ja, ja, der kleine, oh, ja, hier kommt der kleine - ah - hier kommt hier kommt der KLEINE -AHH-
    OTTO! kracht ihr Kahn in die Anubis hinein, ein grauenvolles, ohrenbetäubendes Otto...
    "Haltet euch bereit!" Der Springer ist wieder auf den Beinen. Procalowski dreht ab und geht auf volle Fahrt. Frau Gnahb schlingert durch das Kielwasser und schließt auf der Steuerbordseite der Jacht auf. Otto gibt Enterhaken aus, die schon lange im Dienst der Hanse stehen, eisern, zernarbt, sehr funktionell aussehend, während Mutti mit äußerster Kraft voraus längsseits geht. Pärchen haben sich unter den Markisen der Anubis versammelt, um den Spaß aus nächster Nähe zu erleben. Sie zeigen mit den Fingern, lachen, winken fröhlich, Mädchen mit nackten Brüsten, von denen der Regen perlt, werfen Kußhände, die Kapelle intoniert ein Guy-Lombardo-Arrangement von "Running Between the Raindrops".
    Auf die schlüpfrige Leiter begibt sich salzig und freibeuterisch Slothrop, wiegt den Enterhaken in der Hand, läßt ein Stück Leine auslaufen, beobachtet, wie's dieser Otto macht - Schwung holen, rumwirbeln wie ein Lasso, wheeee - clonk! Der Springer und Otto am Bug und am Heck bringen ihre Haken gleichzeitig hinüber, holen die Leinen dicht, während die Rümpfe anschlagen, abprallen, anschlagen ... doch die Anubis, sanft und weiß, hat ihre Fahrt verlangsamt, rekelt sich, läßt gewähren ... Otto macht ein Tau an einem Klampen auf Deck und oben an der reichverzierten Reling fest, rast mit planschenden Turnschuhen nach achtern, hinterläßt geriffelte Fußabdrücke, die sich sogleich mit Regen füllen, und wiederholt das Manöver am Heck. Ein neu gefaßter Wildbach tost weiß und wütend zwischen den beiden Schiffen. Springer ist schon oben auf dem Hauptdeck der Jacht. Slothrop steckt sich die Luger in den Gürtel und folgt.
    Mit der klassischen Gangster-Kopfbewegung wedelt ihn der Springer zur Kommandobrücke hinauf. Slothrop drängelt sich durch grapschende Hände, Grußworte in gebrochenem Russisch, Wolken von alkoholischem Atem, kämpft sich bis zur Treppe auf der Backbordseite durch, klettert hoch, drückt sich geräuschlos auf die Brücke. Doch Procalowski sitzt nur gelassen im Kapitänssessel und raucht mit in den Nacken geschobener Mütze eine von Springers Amis, während der Springer gerade eine Glanznummer aus seinem gigantischen Repertoire von Schweinigeleien zum besten gibt.
    "Teufel auch, Gerhardt", Procalowski winkt einen flüchtigen Gruß, "jetzt arbeitet schon die Rote Armee für dich?"
    "Tach, Antoni!" Die drei silbernen Sterne auf seinen Epauletten blinzeln vertraulich, doch

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