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Die Feuerkrone: Roman (Heyne fliegt) (German Edition)

Die Feuerkrone: Roman (Heyne fliegt) (German Edition)

Titel: Die Feuerkrone: Roman (Heyne fliegt) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rae Carson
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tanzt niemand. Es ist an mir, die Feierlichkeiten zu eröffnen.
    Als ich den Saal betrete, wird alles still. Hector bleibt kurz auf der Schwelle stehen und gibt der Menge die Möglichkeit, ihre Königin genau anzusehen. Ich halte mich leicht an seinem Arm fest, als er die andere Hand ausstreckt und sie sanft auf meine legt.
    Alle Anwesenden verneigen sich, aber ihre Blicke sind unverwandt auf meine neue Krone gerichtet. Ich begegne der Situation mit einem trotzigen Lächeln und warte ein paar Herzschläge lang, bis ihnen allen völlig klar geworden ist, was sie da sehen.
    Dann bedeute ich ihnen, sich wieder zu erheben, und Hector und ich setzen unsere Prozession fort. Tuscheln und Raunen hebt an, und ich höre die Worte » Feuerstein« und » Hexenkunst«. Das Lächeln fällt mir nun leicht, da ich weiß, dass die Krone ihre Wirkung nicht verfehlt hat.
    Am Ende des Raumes hat man das Podest mit meinem Thron beiseitegeschoben, um die riesenhafte Hand Gottes zu zeigen, eine meisterlich gefertigte Marmorskulptur, die nur ein einziges Mal im Jahr den Blicken preisgegeben wird. Mein Feuerstein pocht in wilder Entgegnung. Ich beruhige ihn mit den Fingerspitzen und raune leise: » Lass das.«
    Der Mann, der die Hand erschuf, Lutián vom Fels, widmete diesem Werk sein ganzes Leben. Man sagt, er sei von Gottes Geist erfüllt worden und habe wie wild daran gearbeitet, Hammer und Meißel nur aus der Hand gelegt, um ein wenig zu essen und zu trinken und zu schlafen. Als er die Skulptur mit einundzwanzig Jahren vollendet hatte, sah er sie an, sagte, sie sei gut und starb sofort darauf an einem Herzschlag. Er trug einen lebenden Feuerstein, so wie ich, und mit der Erschaffung dieser riesigen Hand erfüllte er seine heilige Aufgabe.
    Mit Hectors Hilfe steige ich die Stufen hinauf, die zu Gottes leicht gebogenen Fingern führen. Ich setze meine Schritte mit Bedacht, denn ihre Oberfläche ist so gerundet wie bei echten Fingern. Dann breite ich den Rock meines aquamarinfarbenen Kleides um mich aus und setze mich mit gekreuzten Beinen in die riesige Handfläche.
    Die Menge verstummt in gespannter Erwartung.
    Ich schließe die Augen, erhebe meine Hände zum Himmel und intoniere den Erlösungssegen.
    Unsere Vorväter setzten ihr Vertrauen in Dich,
    sie riefen nach Dir, und Du hast sie erlöst.
    Siehe, sie wurden errettet aus der sterbenden Welt,
    sie vertrauten in Dich und wurden nicht enttäuscht.
    Segne uns, oh Gott, wenn wir Deiner Hand gedenken,
    Deine rechtschaffene rechte Hand vergehet nie.
    » Selah!«, tönt es von den Anwesenden zurück.
    Die Musiker nehmen ihr Spiel wieder auf, Tänzer strömen auf das Parkett, und die Erlösungsgala hat offiziell begonnen.
    Hector sieht zu mir hoch und bedeutet mir, wieder hinabzusteigen. Normalerweise würde der Monarch mehrere Tänze lang in der Hand sitzen bleiben und Glück und Segen in sich aufnehmen. Aber für mich ist es im Moment zu gefährlich, mich so lange zu einer Zielscheibe zu machen.
    Indem ich mich an seiner Hand festhalte, taste ich mich vorsichtig die Stufen wieder hinunter und versuche, nicht über meinen langen Rock zu fallen. Mein Fuß hat kaum das Parkett berührt, als schon mein erster Tanzpartner vor mir steht.
    » Darf ich Euch um diesen Tanz bitten, Euer Majestät?«, fragt Prinz Rosario. Er verneigt sich mit jener Eleganz, wie sie nur stete Übung mit sich bringt, und breitet in edler Geste bittend seine kleinen Finger aus.
    » Natürlich!«, antworte ich mit echter Begeisterung und nehme die dargebotene Hand.
    Sein Kopf reicht mir nicht einmal bis an die Brust, und ich fühle mich versucht, die Führung zu übernehmen, aber er scheint fest entschlossen, alles richtig zu machen, und so lasse ich ihn gewähren.
    » War das eine Idee deiner Kinderfrau?«, frage ich.
    Er sieht mich unter seinen dichten Wimpern an, mit diesen Zimtaugen, die mich so sehr an seinen Vater erinnern, und sagt: » Nein, aber Carilla will mit mir tanzen.« Kurz deutet er mit dem Kinn zu einem kleinen Mädchen mit wilden Locken und Satinrüschen, höchstens neun Jahre alt, das am Rand der Tanzfläche steht. Rosario rümpft die Nase. » Sie versucht mich zu küssen. Das ist eklig.«
    Ich muss lachen. » Also hast du ihr gesagt, du müsstest mit mir tanzen.«
    Er nickt ernsthaft. » Obwohl du eine so schreckliche Tänzerin bist. Trotzdem ist es schöner, mit dir zu tanzen als mit Carilla.«
    Ebenso ernsthaft entgegne ich: » Hervorragende Entscheidung. Du wirst eines Tages ein weiser König

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