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Die Hexen - Roman

Die Hexen - Roman

Titel: Die Hexen - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heyne
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gehörte.
    Plötzlich rannen ihr Tränen über die Schläfen. Ravenna blinzelte und wischte sie mit dem Handballen weg. Sie weinte vor Erleichterung, vor Freude und vor Stolz. Elinor hatte nicht die Macht besessen, sie zu verfluchen – das wusste sie nun. Auch der Einbrecher, der in dunkler Nacht auf sie gewartet hatte, um sie zu demütigen und zu erschrecken, hatte ihren Lebenswillen nicht brechen können. Denn sie war hier und lebte, während jede von Lucians Berührungen auf ihrem Körper zu leuchten schien wie Neveres magisches Heilwasser.
    »Ravenna? Geht es Euch gut?« Lucian hatte den Kopf gehoben und betrachtete sie. Sie streckte beide Hände nach ihm aus, um ihn näher an sich zu ziehen.
    »Ja. Aber ja doch! Würdest du bitte nicht aufhören?«
    Er lachte überrascht. Dann umfasste er ihre Taille mit beiden Händen. Feines Narbengewebe bedeckte seine Arme und die Rippenbögen an manchen Stellen, eine geheimnisvolle Schrift, Zeichen aus einem anderen Jahrhundert. Zärtlich zog er sie an sich und sie umarmten einander, bis ihr ganzes Denken fortgeschwemmt wurde und sie zu einem einzigen empfindenden Wesen verschmolzen, einem Wesen mit einem Willen, einem Herzschlag und derselben Leidenschaft.
    Wenig später lag Ravenna in der Dunkelheit und dachte darüber nach, wie alles gekommen war. Sie war auf eine lange Reise gegangen, widerwillig und voller Angst vor all dem Unerwarteten, das auf sie einstürzte, doch nun war sie wieder hier und konnte ihr Leben durch einen neuen Blickwinkel betrachten. Sie war zufrieden und im Reinen mit sich – nein, mehr als zufrieden: Sie war glücklich.
    »Lucian? Schläfst du?« Sie streckte die Hand aus und tastete nach ihm, bis sie ihn an der Schulter berührte.
    »Mhm.« Er drehte den Kopf zu ihr. Entspannt lag er auf dem Rücken und beobachtete die blinkenden Lichter der Abendmaschinen, die nach Marseille, Toulouse oder Djerba abflogen. Die Geschichte von Stahlkapseln, die auf Flügeln aus Feuer durch die Luft katapultiert wurden, schien ihn nicht weiter zu beunruhigen. Offenbar genügte es ihm, dass sie wusste, wie die Dinge in ihrer Welt funktionierten, und er vertraute ganz auf sie. In dieser und in deiner Welt … Mittlerweile wusste sie, dass Lucian ihr kein leeres Versprechen gegeben hatte.
    »Beliar ist möglicherweise hier. In der Gegenwart, meine ich.«
    »Was?« Er stützte sich auf einen Ellenbogen. Die ruckartige Bewegung brachte die Matratze ins Schaukeln. Dieses Bett ist wirklich nur für eine Person gemacht, dachte Ravenna. Sie grinste.
    »Nicht so laut«, bat sie. »Ich möchte nicht, dass meine Schwester aufwacht. Auf dem Platz vor der Kathedrale habe ich den Marquis zum ersten Mal von nahem gesehen. Ohne Helm oder Visier. Da wurde mir klar, dass ich ihn kenne.« Das war heute Morgen gewesen, erinnerte sie sich. Langsam schüttelte sie den Kopf. Wie abwegig, dass seit dem schrecklichen Hexenfeuer nur wenige Stunden vergangen waren!
    »Ich kenne Beliar aus meiner Welt. Es wird jetzt ein bisschen schwierig, das zu erklären.«
    Ravenna rieb sich den Nacken. Geduldig und aufmerksam hörte Lucian zu, als sie ihre Geschichte vor ihm ausbreitete und ihm von dem Überfall und der anschließenden Therapie berichtete. Alle waren der Meinung gewesen, der Besuch bei einem erfahrenen Psychiater sei das Beste für sie: ihre Eltern, ihre Schwester und sogar der Kommissar, der den Fall bearbeitete. Er hatte ihr Corbeaus Telefonnummer gegeben, zur Nachsorge, wie er sich ausdrückte.
    Lucian hielt es nicht einmal für nötig, sie zu unterbrechen. »Und Ihr sagt, man hat diesen Einbrecher nie gefunden? Obwohl man nach ihm gesucht hat?«, fragte er, als sie geendet hatte.
    Ravenna nickte. Sie sah, wie Lucian die Fäuste ballte. »Ich hätte ihn gefunden«, murmelte er. »Ganz bestimmt.« Er schwieg eine Weile. Dann fragte er: »Und dieser Gelehrte, dieser Corbeau – seid Ihr ganz sicher, dass es sich um denselben Mann handelt? Um den Marquis de Hœnkungsberg?«
    Wieder nickte sie. Gab es eine andere Erklärung dafür, weshalb sich Corbeau und Beliar so ähnlich sahen? Als der Marquis sie auf dem Platz vor der Kathedrale anblickte, wusste sie, dass auch er sie wiedererkannte. Oder dass er sich ihr endlich zu erkennen gab – das war die andere Möglichkeit.
    Lebhaft erinnerte sie sich an Yvonnes Ausbruch, nachdem sie von der Hypnose erzählt hatte, zu der Corbeau ihr geraten hatte. Zum Glück habe ich mich nie darauf eingelassen, dachte sie.
    Laut fuhr sie fort: »Jedenfalls

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