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Die Hexen - Roman

Die Hexen - Roman

Titel: Die Hexen - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heyne
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und Ravenna hin und her.
    »Auf dem Odilienberg«, sagte Ravenna schnell. »Auf einem Ausritt vor ein paar Tagen.« Es war nicht einmal gelogen.
    »Oh, ein Reiter«, bemerkte Yvonne. »Das passt ja.«
    »Ein Ritter«, verbesserte Lucian. »Mein Orden lebt auf Burg Landsberg.«
    Yvonnes Gabel klapperte auf dem Tellerrand. Im Jahr 2011 waren von der Festung König Constantins ein Mauerrest und ein Turm mit leeren Fensterhöhlen übrig, doch das konnte Lucian nicht wissen.
    »Noch mehr Kartoffeln?«, fragte Ravenna hoffnungsvoll, doch Yvonne ließ sich nicht vom Thema abbringen. Sie streckte den Teller vor, während sie Lucian durchdringend musterte. »Du gehörst einem Orden an?« Ihre Stimme besaß jenen bissigen Unterton, der jeden, der sie kannte, vor ihren Launen warnte. »Das klingt aber interessant. Wer seid ihr denn? Templer? Der Orden wider das Fluchen? Oder etwa Gralsritter?«
    Lucian merkte nicht, wie er hochgenommen wurde. »Wir nennen uns die Schwerter des Lichts, weil wir den Sieben dienen«, erklärte er freundlich. »Den Hexen vom Odilienberg.«
    Ravenna ließ den Kopf in die Hände sinken. Plötzlich rutschte ihr Ritter besorgt auf dem Stuhl hin und her. »Habe ich etwas Falsches gesagt?«, fragte er.
    »Nein, nein, alles bestens«, bemerkte Yvonne spitz. »Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Nicht wahr, Ravenna?«
    Ihre Schwester hob den Kopf. »Ich kann das erklären«, sagte sie lahm.
    Yvonne lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Da bin ich aber gespannt.«
    Ein Augenblick unangenehmer Stille entstand. Im Radio, das im Flur auf der Kommode stand, endete der Bericht über ein Radrennen. Niemand hatte daran gedacht, den Apparat auszuschalten.
    »Es tut mir leid«, sagte Lucian in das Schweigen. »Unser Weg war vielleicht doch etwas weiter als angenommen.«
    »Es scheint fast so«, giftete Yvonne ihn an. »Jedenfalls solltest du wissen, dass es längst keine Ritter mehr gibt. Und auch keine Burgen, keine Orden und keine Schwerter. Es sind höchstens noch ein paar Hexen übrig.«
    Ravenna entging nicht, wie Lucian blass wurde. Hilfesuchend wandte er sich zu ihr um. Sie legte ihm die Hand auf den Arm. »Yvonne hat Recht«, gestand sie. »Seit wir aufgebrochen sind, hat sich manches verändert und du wirst meine Welt höchst seltsam finden. Aber mach dir keine Sorgen, ich zeige dir alles, was du wissen musst.«
    Der Ritter fluchte leise. Yvonne stützte die Unterarme auf die Tischplatte und beugte sich vor. »Wann genau seid ihr denn aufgebrochen?«, fragte sie.
    Ravenna und Lucian schwiegen. Der Wasserhahn tropfte, die Stimme des Nachrichtensprechers erfüllte den Flur. Endlich stieß Yvonne einen langen Atemzug aus. »Einen hübschen Anhänger trägst du da«, bemerkte sie mit Blick auf das Triskel, das um Lucians Hals hing. »Wenn mich nicht alles täuscht, hatte Ravenna ihn ursprünglich von mir.«
    Unwillkürlich streiften Lucians Finger über die dreifache Spirale. »Ich weiß. Sie erzählte mir davon, bevor sie mir die Halskette beim Turnier als Pfand gab. Da war sie die Königin von Beltaine.«
    »Die … was?« Yvonnes Augen weiteten sich und Ravenna spürte förmlich, wie ihre Schwester ganz steif wurde. Königin der magischen Maizeit – war das nicht genau der Titel, den Yvonne so gerne getragen hätte?
    »Wo sind eigentlich Merle und die Kleinen?«, fragte Ravenna, um das Gespräch endlich in eine andere Richtung zu lenken. Diesmal war es Yvonne, die zusammenzuckte, als habe sie an einen Strom führenden Draht gefasst. »Die sind bei Marie«, murmelte sie. Sie erhob sich und stellte ihren Teller in die Spüle. Der Sprecher im Radio verlas die nächste Meldung.
    »… konnte im Fall der bei Kehl am Rhein aufgefundenen Frauenleiche die Identität der Toten noch nicht geklärt werden. Fest steht mittlerweile, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern um ein Verbrechen handelt. Die Tote ist zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahre alt. Bekleidet war sie mit einem schwarzen …«
    Yvonne stürzte in den Flur und schaltete das Gerät aus. »Ich geh ins Bett«, verkündete sie. »Lasst Euch bitte nicht weiter stören.« Und in gereiztem Tonfall setzte sie hinzu: »Immerhin bist du jetzt ja eine Königin, Raven.«
    Die Tür zu ihrem Zimmer fiel krachend ins Schloss. In der Küche entstand wieder betretenes Schweigen. Geräuschvoll schob Ravenna ihren Stuhl zurück und begann, Gabeln, Messer und Teller abzuräumen.
    Plötzlich stand Lucian neben ihr und griff nach ihrem Handgelenk.

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