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Die Hexen - Roman

Die Hexen - Roman

Titel: Die Hexen - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heyne
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Jacques. Mit einem Finger bohrte er im Ohr. Die jüngeren Kollegen lachten.
    »Die Sieben Zirkel«, fabulierte Ravenna. »Es … ist eine Bauhütte in Südfrankreich. Tiefes Südfrankreich.« Sie schwitzte, wenn sie log, und ihr Lächeln saß schief. Jacques sah sie komisch an und Lucian fragte: »Worüber sprechen sie?«
    Als sie sagte: »Über dich«, runzelte er die Stirn.
    Georges umkreiste den jungen Ritter misstrauisch. »Südfrankreich? Mein Onkel lebt inMontpellier. Die sprechen da aber nicht so komisch.«
    Lucians Gesicht verdüsterte sich. »Was will er von mir? Sucht er Streit?«
    »Nein. Um Himmels willen, nein. Entspann dich«, beruhigte Ravenna ihn und zu ihren Kollegen sagte sie: »Er kommt aus denPyrenäen, aus der Nähe von Andorra. Steile Berge, enge Täler, düstere Schluchten – diese Ecke. Und sein Name ist Lucian.«
    »Lucian?« Mirco prustete los. »Das klingt wie ein Mädchen.«
    Hastig drängelte sich Ravenna zwischen die beiden Männer, die einander feindselig taxierten. »Das ist Mirco«, sagte sie, um die Situation zu entspannen. »Jetzt seid nett zueinander und gebt euch die Hand.«
    »Mirco? Wir hatten mal ein Pferd mit diesem Namen«, brummte Lucian, ohne sich zu rühren. Etwas hatte er also doch verstanden. Ihr Ritter war keineswegs auf den Mund gefallen, stellte Ravenna fest. »Sei friedlich. Bitte. Sie meinen es nicht böse«, raunte sie ihm zu. »Als ich hier anfing, musste ich mich auch erst an die Sprüche gewöhnen. Aber die Jungs sind in Ordnung.«
    »Nur damit eines klar ist«, sagte Mirco, an Lucian gewandt. »Ravenna ist eine von uns. Und das bedeutet, dass wir auf sie aufpassen. Wer zur Bauhütte gehört, hat so etwas wie eine zweite Familie.«
    Sprachlos starrte Ravenna den jungen Steinmetz an. Sie hatte nicht gewusst, wie eifersüchtig ihre Kollegen über das einzige weibliche Mitglied der Dombauhütte wachten. Ebensowenig war ihr klar gewesen, dass die Männer in dieser zugigen Werkhalle ihre Freunde waren – Freunde, auf die sie sich verlassen konnte.
    »Wenn das so ist.« Lucian lockerte seine angespannte Haltung, so beiläufig, dass es fast gedankenlos wirkte. Er war geübt darin, eine drohende Haltung einzunehmen und sie dann mit einem Achselzucken wieder zurückzunehmen. »Dann wollen wir beide dasselbe.« Mit diesen Worten packte er Mircos Hand und drückte zu. Der Steinmetz zögerte einen Augenblick, dann nickte er und erwiderte die Geste.
    Jacques klatschte in die Hände, dass es nur so staubte. »Also dann, meine Herren: an die Arbeit. Die Fassade erneuert sich schließlich nicht von selbst.« Mit einem Augenzwinkern zog er seine speckige Schirmmütze in die Stirn und scheuchte sein Team zurück an die Arbeitsplätze.
    Langsam führte Ravenna ihren Begleiter durch die Halle. »Ich wollte dich hierherbringen, damit du begreifst, was in den vergangenen Jahrhunderten geschehen ist«, erklärte sie leise. »Hier kommen beide Zeiten zusammen – meine und deine.«
    Sie klopfte auf eine stark verwitterte Figur, die neben ihrem Arbeitsplatz stand. Niemand hatte dort etwas verändert. Die heilige Ursula schien geduldig auf sie zu warten, neben einer angebrochenen Flasche Mineralwasser und den aufgereihten Werkzeugen. Auf dem Kopf der Figur war ein Punktierstück befestigt, mit dessen Hilfe Ravenna die genauen Abstände zwischen Krone, Nase, Stirn und Kinn bestimmen konnte. Die Daten übertrug sie säuberlich auf einen Bogen Pergament und schuf so den Aufriss: eine maßstabsgetreue Abbildung der Heiligen, die als Vorlage für die Kopie diente.
    »Dieser Stein ist bestimmt siebenhundert Jahre alt«, erklärte Ravenna und strich über die Schulter der Figur. »Möglicherweise auch älter. Du siehst, wie die Zeit und der Regen der Ärmsten zugesetzt haben – mehr als sämtliche Hunnen in der Legende es vermochten. Die Art und Weise, wie wir hier Maß nehmen, kannte man schon im Mittelalter. Zusätzlich benutzen wir ein computergestütztes Programm und Messkameras, mit denen wir die Kathedrale vom Helikopter aus fotografieren. Maschinen.«
    Sie deutete auf den Gabelstapler und die dröhnenden Gebläse, die über den Arbeitsplätzen angebracht waren. Im Lärm und im ständigen Klopfen der Hämmer gingen ihre Worte beinahe unter.
    Lucian nickte. Für einen Mann, der aus derselben Zeit stammte wie der Barde Chrétien de Troyes, nahm er die vielen Neuigkeiten erstaunlich gelassen auf. Zu ihrer Überraschung zeigte er sogar eine Art wissenschaftliche Neugier, mit der er die

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