Die Hexen - Roman
Münster aus den Augen verloren hatten.
»Komm, ich zeige dir, wo Corbeau wohnt«, schlug Ravenna vor. »So nennt sich Beliar in dieser Welt.«
Kurz darauf standen sie vor der rot gestrichenen Villa. Die Vorhänge im Erdgeschoss waren zugezogen, und der Sportwagen stand nicht wie sonst in der Auffahrt.
»Merkwürdig«, murmelte Ravenna. »Eigentlich hat der Doktor um diese Zeit immer viele Patienten. Zumindest war es oft schwierig, am Vormittag einen Termin bei ihm zu bekommen.«
Als sie sich dem Haus näherten, nahm sie zum ersten Mal den verdorrten Garten wahr. Das Gras war gelb und die Rosensträucher neben dem Plattenweg verwelkt. Dicht am Haus wuchs ein Baum, dessen Äste die hintere Terrasse beschattet hätten, wenn sie Blätter getragen hätten. Aber der Baum war kahl, er sah aus wie ein verkohlter Riese, den ein Feuersturm übriggelassen hatte.
Ravenna fröstelte. Sie musste an die Erzählung der Hexen denken, was nach Beliars Auftauchen auf dem Hœnkungsberg geschehen war. Verbrannte Erde. Totes Land.
»Was ist das?« Lucian deutete auf einen Bewegungsmelder, der über dem Eingang angebracht war.
»Eine Art magisches Auge«, sagte Ravenna. Sie hatte längst den Versuch aufgegeben, ihren Begleiter davon zu überzeugen, dass in ihrer Welt kaum etwas von Magie beseelt war. »Es teilt Corbeau … Beliar mit, wenn sich jemand dem Haus nähert.«
Ihr Ritter fluchte. Es war das erste Mal, dass Ravenna eine solche Gefühlsäußerung von ihm hörte.
»Er ist ja nicht dumm«, meinte sie achselzuckend. »Trotzdem ist es leichter, hier einzudringen, als die Burg auf dem Hœnkungsberg zu erstürmen. Sogar König Constantin ist an diesem Vorhaben gescheitert.«
Lucian nickte. »Ihr sprecht wie eine echte Hexe«, meinte er.
Langsam begannen sie, das Grundstück zu umrunden. Es war von einem schmiedeeisernen Gitter umgeben, das in scharfen Spitzen endete. Auf der Innenseite verlief ein Draht. »Siehst du das?«, machte Ravenna ihren Begleiter darauf aufmerksam. »Wenn du diesen Draht berührst, kriegst du vermutlich einen kräftigen Stromschlag. So wie bei Gewitter unter einer Esche. Und dann bricht hier die Hölle los.«
Sie umfasste die Gitterstäbe unterhalb des Drahts, um sich den kahlen Baum genauer anzusehen. Im nächsten Augenblick zuckte sie zurück. Sie hatte sich an einem Dorn gestochen. Als sie an der Fingerkuppe saugte, schmeckte sie Blut.
»Warum lachst du?«, knurrte sie Lucian an.
»Verzeiht«, sagte er und sie konnte ihn gerade noch daran hindern, auf dem Gehweg vor ihr niederzuknien. »Aber wie Melisende seid Ihr eine Zaunreiterin. Eine Grenzgängerin. Dieses Gitter ist kein echtes Hindernis für Euch.«
Mit gerunzelter Stirn starrte Ravenna auf die Villa, die hinter staubtrockenen Bougainvilleen verborgen war. »Vielleicht hast du Recht«, murmelte sie.
Als sie kurz darauf den Türklopfer bediente, dauerte es nicht lange, bis die Haushälterin öffnete. Ohne nach dem Grund des Besuchs zu fragen, erklärte sie, dass der Doktor nicht zu sprechen sei. Ohne Voranmeldung würden heute keine Patienten vorgelassen.
»Dann geben Sie mir einen Termin«, beharrte Ravenna. »Und zwar den nächsten, der frei ist.« Lucian stand neben ihr und ließ den Blick durch die Eingangshalle gleiten: Fliesen aus Naturstein, antike Möbel, ein Kronleuchter und die Treppe aus Glas. Die schweren Vorhänge ließen kaum Licht in die Empfangshalle. Als die Haushälterin Lucians Neugier bemerkte, zog sie die Tür zu und starrte ihn tadelnd an. »Es tut mir leid, aber Doktor Corbeau empfängt in dieser Woche keine Patienten mehr«, sagte sie. »Er ist unpässlich.«
»Mich wird er empfangen«, meinte Ravenna. Sie stützte das Knie gegen den Türpfosten, legte das Stückchen Plakatpapier, das sie von der Litfasssäule auf der anderen Seite des kleinen Platzes abgerissen hatte, auf ihren Oberschenkel und presste die Fingerkuppe zusammen. Ein roter Tropfen erschien. Mit dem Blut malte sie einen gleichmäßigen, fünfzackigen Stern auf das Papier. Ein Pentagramm.
»Geben Sie ihm das hier, mit schönen Grüßen von Ravenna vom Odilienberg. Er soll mich anrufen. Sagen Sie ihm bitte, es sei dringend.«
Sie lachte, als sie die Straße im Laufschritt überquerten. »Der ruft bestimmt an«, meinte sie. »Jede Wette.«
Sie kehrten in die Innenstadt zurück. Mit dem Geld, das Yvonne ihr geborgt hatte, kaufte Ravenna einige passende Kleidungsstücke und Schuhe für Lucian. Anschließend nahmen sie in einem Café Platz.
»Meine
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