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Die Hexen - Roman

Die Hexen - Roman

Titel: Die Hexen - Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heyne
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Freunde hatten Unrecht«, stellte er fest, nachdem er den Teller geleert hatte. »Die Frauen in Eurer Welt wissen immer noch, dass sie Frauen sind. Sie zeigen es nur anders.«
    Er deutete auf ein Mädchen, das mit hochgekrempelten Hosenbeinen und nackten Armen auf dem Rasen stand und einen Teufelsstab tanzen ließ. Mit zwei Stöcken hielt sie den schillernden Stab in Bewegung: Über ihrem Kopf, hinter dem Rücken, unter ihrem angewinkelten Knie hindurch und dann warf sie ihn in die Luft und fing ihn mit den beiden Handstöcken wieder auf. Einige Kinder blieben stehen, um ihr zuzusehen. Die junge Frau lachte.
    »Ja, vielleicht«, murmelte Ravenna. »Aber sie wissen nicht mehr, dass ihre Vorfahrinnen Magie wirken konnten. Das ist aus und vorbei.«
    In dem weißen Kapuzenshirt saß Lucian so lässig unter der Sonnenmarkise, als gehöre er von jeher in diese Zeit. Das einzig Auffällige an ihm waren sein aufmerksam umherwandernder Blick und der Ring mit der Windrose. »Eure Schwester weiß es«, sagte er. »Yvonne ist eine Magierin. Das konnte ich deutlich spüren. Ist sie ausgebildet?«
    Ravenna merkte, wie sie eine Gänsehaut bekam. »Das ist das Erbe unserer Großmutter«, sagte sie leise. »Und das von Melisende.« Sie beugte sich vor und verschränkte ihre Finger mit Lucians Fingern. »Ich muss dir etwas sagen. Etwas, das mir sonst keine Ruhe lässt.« Er nickte. »In meiner Welt wissen wir nichts mehr über Magie, weil dieses Wissen mit Zauberinnen wie Melisende gestorben ist. Auf die gleiche Weise wie sie. Die Hinrichtung, die wir gestern auf dem Platz erlebt haben, war erst der Anfang. Laut Berichten, die ich über eure Zeit kenne, wird es viele Opfer geben. Die Verfolgungen gehen über Jahre weiter. Über Hunderte von Jahren, bis kein Fünkchen Magie mehr übrig ist. Und auch keine Magierinnen.«
    Sie merkte, dass Lucian schluckte. Sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht. »Also wird es auch die anderen treffen … Josce. Viviale. Esmee. Eine nach der anderen werden sie dem Feuer übergeben, wenn wir scheitern. Deshalb haben sie Euch gerufen.«
    Nun war es Ravenna, der sich die Kehle zusammenschnürte. »Ich weiß wirklich nicht, ob ich etwas tun kann«, sagte sie. »Oder ob das, was ich tue, etwas nützt. Ich meine, die Geschichtsbücher sind längst geschrieben. Was soll ich daran verändern?«
    Lucian verstärkte den Druck seiner Finger. »Vertraut auf Eure Gabe! Vertraut auf Euch, Ravenna. Ihr seid sehr mutig, viel mutiger als die meisten Frauen, die ich kenne. Und das will etwas heißen, denn die meisten waren Hexen.«
    Er brachte sie zum Lachen. Sie konnte sich kaum sattsehen an seinen braunen Augen und an dem Lächeln, das seine Lippen umspielte. Mit halbem Ohr hörte sie auf das Gemurmel der anderen Gäste.
    »Erzähl mir etwas über diesen Ring«, bat sie und deutete auf Lucians Hand. Er spreizte die Finger, während er den Ellenbogen auf die Tischkante stützte. Auch Vernon, Ramon und die anderen jungen Männer hatten solche Ringe getragen.
    »Wir erhalten den Jahresring von König Constantin, wenn er uns zu Rittern schlägt«, erklärte er. »Versteht Ihr, die Schwertleite und der Ritterschlag sind etwas völlig Verschiedenes. Ritter werden so manche Männer, die das Schwert richtig herum halten und das Vorderteil ihres Pferdes vom Hintern unterscheiden können. Aber bei Geweihter Gefolgschaft …« Er zuckte die Achseln. »Da geht es um etwas anderes. Um Liebe. Um Magie. Um Wahrheit. Man fragt sich, wer man im Leben sein möchte, was das Ziel ist und … Ravenna? Habt Ihr mir überhaupt zugehört?«
    Sie rieb sich die Stirn. »Es tut mir leid. Mir ist gerade etwas ganz anderes in den Sinn gekommen: Ich habe das Siegel des Sommers nie gesehen. Ich habe keine Ahnung, wie Melisendes Schatz aussieht, oder ob ich ihn erkenne, wenn er vor mir liegt. Weißt du, welches Motiv der Ring zeigt?«
    Lucian schüttelte den Kopf. »Die Siegel sind geheim. Nur die Sieben und ihre Gefährten bekommen sie zu Gesicht. Aber Ihr könntet Nachforschungen anstellen.«
    Überrascht hob Ravenna die Brauen. »Hier? Heute? Wie soll das gehen?«
    Lucian stützte den Kopf auf die Faust und blickte sie an. »Nun, auf unserem ersten Ausritt habt Ihr mir erklärt, dass Ihr in Eurer Welt die Macht hättet, die Kraft der Gedanken miteinander zu verbinden. Vielleicht erinnert sich einer der beteiligten Magier an das Siegel.«
    Mit einem Ruck hob Ravenna den Arm und winkte die Kellnerin herbei. »Computer«, sagte sie, während sie das Geld

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