Die Insel Des Vorigen Tages
verändert, um nicht von der Euren zu reden.«
»Euch etwas zu verdanken?«
»Euer Leben. Natürlich liegt es nicht in unserer Macht, Euch zu vergeben, aber wir können eingreifen.
Sagen wir, Ihr könntet Euch der Schärfe des Gesetzes durch Flucht entziehen. Nach ein oder zwei Jahren wird die Erinnerung des Zeugen sicher nicht mehr so genau sein, und er wird schwören können, ohne seine Ehre zu beflecken, daß nicht Ihr der Mann wart, den er vor drei Tagen gesehen hat. Und es könnte sich herausstellen, daß Ihr zu jener Zeit ganz woanders Tricktrack gespielt habt mit Hauptmann de Bar. Und so könnte Euch - wohlgemerkt, wir entscheiden noch nichts, wir nehmen nur an, und es könnte auch das Gegenteil eintreten, doch wir vertrauen auf unsere richtige Sicht -, so könnte Euch volle Gerechtigkeit widerfahren und die uneingeschränkte Freiheit wiedergegeben werden. Aber setzt Euch doch bitte«, sagte der Kardinal. »Ich muß Euch eine Mission vorschlagen.«
Roberto setzte sich. »Eine Mission?«
»Eine delikate. In deren Verlauf, wir wollen es Euch nicht verhehlen, Ihr etliche Gelegenheiten haben werdet, Euer Leben zu verlieren. Aber dies ist ein Handel: Ihr entgeht der Gewißheit des Henkers und habt viele Gelegenheiten, heil und gesund zurückzukehren, wenn Ihr Euch klug anstellt. Ein Jahr voller Widrigkeiten für ein ganzes Leben.«
»Eminenz«, sagte Roberto, der nun wenigstens das Bild des Henkers verblassen sah, »soweit ich verstehe, ist es überflüssig, daß ich schwöre, bei meiner Ehre oder beim Kreuz, daß...«
»Wir würden es an christlicher Barmherzigkeit fehlen lassen, wenn wir ausschlossen, daß Ihr unschuldig seid und wir das Opfer eines Mißverständnisses wären. Doch das Mißverständnis wäre in solcher Übereinstimmung mit unseren Plänen, daß wir keinen Grund sähen, es zu beheben. Und Ihr wollt ja wohl nicht insinuieren, wir hätten Euch einen unehrenhaften Vorschlag gemacht, wie wenn wir etwa gesagt hätten, entweder als Unschuldiger unterm Beil oder als falsch geständiger Delinquent in unseren Diensten
...«
»Nie käme ich auf etwas so Respektloses, Eminenz.«
»Nun denn. Wir bieten Euch einige mögliche Risiken, aber sicheren Ruhm. Und seid versichert, wir hätten nie unser Auge auf Euch geworfen, wenn Eure Anwesenheit in Paris uns nicht vorher schon aufgefallen wäre. Die Stadt, müßt Ihr wissen, spricht viel von dem, was in ihren Salons geschieht, und ganz Paris hat vor einiger Zeit über einen Abend gesprochen, an dem Ihr in den Augen vieler Damen brilliert habt. Jawohl, ganz Paris, errötet nicht. Wir meinen jenen Abend, an dem Ihr mit großer Verve über die Kräfte eines sogenannten sympathetischen Pulvers gesprochen habt, und zwar dergestalt, daß -
so will man es doch in Euren Kreisen, nicht wahr? - die Ironien dem Thema Würze gaben, die Paronomasien Anmut, die Sentenzen Feierlichkeit, die Hyperbeln Reichtum und die Vergleiche Anschaulichkeit...«
»Ach, Eminenz, ich habe nur Angelerntes referiert...«
»Ich weiß Eure Bescheidenheit zu schätzen, aber offenbar habt Ihr eine gute Kenntnis über einige Geheimnisse der Natur an den Tag gelegt. Wohlan denn, ich brauche einen Mann, der über ein solches Wissen verfügt, der kein Franzose ist und der sich, ohne die Krone zu kompromittieren, als Passagier auf ein Schiff begeben kann, das von Amsterdam aus in See stechen wird, um ein neues Geheimnis zu entdecken, welches in gewisser Weise mit dem Gebrauch jenes Pulvers zusammenhängt ...«
Erneut kam er einem Einwand Robertos zuvor: »Habt keine Angst, auch für uns ist es wichtig, daß Ihr wißt, was wir suchen, damit Ihr auch die ungewisseren Zeichen interpretieren könnt. Wir wollen, daß Ihr wohlunterrichtet über das Thema seid, da wir Euch jetzt so bereitwillig sehen, uns entgegenzukommen.
Ihr werdet einen guten Lehrer haben, und laßt Euch nicht von seinem jugendlichen Alter täuschen.« Er streckte eine Hand aus und zog an einer Kordel. Nichts war zu hören, doch er mußte anderswo eine Glocke oder sonst ein Signal ausgelöst haben - so jedenfalls schloß Roberto in einer Epoche, in der die großen Herren noch in die Hände klatschten oder laut riefen, um ihre Diener herbeizuholen.
Tatsächlich erschien kurz darauf ehrerbietig ein junger Mann, der kaum älter als Anfang Zwanzig sein konnte.
»Willkommen, Colbert, dies ist der Mann, über den wir heute gesprochen haben«, sagte Mazarin zu ihm und dann zu Roberto: »Colbert, der sich auf vielversprechende Weise
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