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Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)

Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tereza Vanek
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verpflichtet gefühlt, jedes Mädchen in der domus für solches Verhalten streng zurechtzuweisen. Nun waren diese Unziemlichkeiten völlig unwichtig geworden, allein für den Vescomte aber musste sie sich bemühen, einen respektablen Eindruck zu machen. Daher tauschte sie auch das leichte Kopftuch wieder gegen ihren Schleier, bevor sie Olivettes Finger mit den ihren umschloss und sie gemeinsam dem Boten hinterhereilten.
    Die Grafenburg hatten sie schnell erreicht. Wachleute ließen sie in einen Innenhof, der mit Palmen, Oleanderbäumen und Rosensträuchern bepflanzt war. Einst musste er einen bezaubernden Anblick geboten haben, doch nun hatten allein die Palmen die große Trockenheit unbeschadet überstanden. Adelind staunte, wie sehr der Anblick verdorrter Blütenblätter und kahl werdender Zweige sie betrübte, als hätte sie gehofft, wenigstens die Behausung des Vescomte sei von dem zunehmenden Niedergang verschont geblieben. Innerhalb des Gebäudes wirkte jedoch alles unversehrt. Sie wurden in einen großen Saal geführt, dessen Wände prächtige Bemalungen in leuchtenden Farben zierten. Adelinds Blick wurde wie magisch angezogen, sie versank in einem Reich aus Reitern und Pferden sowie Vögeln und anderen Tieren, die Raubkatzen und Rindern glichen.
    » Die Darstellung einer Schlacht zwischen Christen und Sarazenen « , riss eine junge Männerstimme sie aus ihren Betrachtungen. Adelind schluckte, dann sank sie pflichtbewusst in die Knie. Wie hatte sie den Vescomte einfach vergessen können? Zaghaft hob sie den Blick, um jenen jungen Mann von gefälligem Äußeren anzusehen, dem sie zum letzten Mal vor drei Jahren in Fanjau begegnet war. Sein Gesicht wirkte deutlich hagerer. Zwei tiefe Falten lagen an seinen Mundwinkeln, als wollten sie seine Lippen umarmen. Mit einem Mal empfand sie Mitgefühl. In einer solch schwierigen Lage die Verantwortung für eine große Stadt samt ihren Bewohnern zu tragen mochte durchaus anstrengender sein, als einfach abwarten zu müssen, was nun geschehen würde.
    » Ihr wolltet mich sehen, Senhor « , begann sie respektvoll. » Bitte verzeiht meine Unachtsamkeit. Ich war hingerissen von den Bildern an den Wänden. «
    Sie sah den traurigen jungen Mann lächeln.
    » Sie wurden in meinem Auftrag angefertigt. Ich wollte stets vor Augen haben, welch lange Geschichte diese Stadt hat. Auch meine Nachfahren sollten es niemals vergessen, denn ich bin davon ausgegangen, dass sie über Carcassona herrschen würden. «
    Er räusperte sich.
    » Ich muss mich bei Euch entschuldigen « , fuhr er gleich darauf fort. » Ich selbst wäre Euch drei Verbeugungen schuldig, denn Ihr seid eine Perfacha. «
    Adelind winkte ab.
    » Ich lege keinen Wert darauf. «
    Die bisher müden grauen Augen des Vescomte zwinkerten gutmütig, fast ein wenig belustigt, denn diese gnädige Antwort konnte einer einfachen Frau als herablassend ausgelegt werden.
    » Ich weiß, dass die Nichte von Raimond-Rogièr de Foix sich in Eurer Obhut befindet « , redete er weiter. » Ich hatte den Wunsch, mich zu vergewissern, dass sie wohlauf ist. Ihre Mutter macht sich sicher Sorgen. «
    Olivette knickste, um sich zu erkennen zu geben. Zwei zarte Rosen erblühten auf ihren Wangen, weil sie von ihrer Mutter nicht vergessen worden war. Adelind drückte nochmals liebevoll ihre Finger.
    Der Vescomte de Trencavel stand nun von seinem Stuhl auf. Seine Hände waren in seinem Rücken ineinander verschlungen, während er unter den bunten Wandbemalungen auf und ab ging.
    » Raimond de Tolosa bot mir ein Bündnis an, aber ich lehnte es ab. Ich muss gestehen, dass ich ihm nicht traute, denn mir schien, er wolle sich meine Ländereien aneignen und mich zu seinem Vasallen machen. Nun ist er zu den Kreuzfahrern übergelaufen, aber da er sich darauf beschränkt, ihnen den Weg zu weisen, und keine Ritter zur Verfügung stellte, ist der Kirchenbann auf seinem Haupt noch nicht aufgehoben. Der Papst hat seine Hoffnungen enttäuscht. «
    Er blieb kurz stehen, um Adelind nachdenklich zu mustern, als erwarte er von ihr eine Erklärung für den Zustand dieser Welt.
    » Was ist mit dem Comte de Foix? « , mischte sie sich daher ein. » Warum kommt er uns nicht zu Hilfe? Und Pedro von Aragon ist Euer Lehnsherr. Er war kürzlich hier. Konnte er denn gar nichts bewirken? Welches Recht hat dieses Heer, uns so einfach anzugreifen? «
    » Es hat den Segen des Papstes « , erwiderte der Vescomte sogleich. » Und alle Welt hat Angst vor dem Kirchenbann.

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