Die Ketzerin von Carcassonne: Historischer Roman (German Edition)
Spital zurück, versorgten die noch bettlägerigen Verwundeten und fielen dann in einen tiefen, befreienden Schlaf.
Als sie erwachten, waren die Stadttore weiterhin geschlossen, und Wachleute standen stramm auf den Mauern. Mabile lief hinaus, um weitere Neuigkeiten einzuholen. Sie kehrte mit angespannter Miene zurück, denn Pedro von Aragon war wieder abgezogen.
» Wieso? « , fragte Hildegard fassungslos. » Was ist mit seinem Heer? Wollte er uns denn nicht helfen? «
Mabile seufzte. » Er kam nur mit ein paar Männern, um zu verhandeln. Die Verhandlungen sind gescheitert. Die Belagerung geht weiter. «
Adelind, die sich gerade ein paar Tropfen des gestern gesammelten Wassers ins Gesicht geschüttet hatte, blieb reglos auf der Bettkante sitzen. Um sie herum teilten mehrere sociae, die nun alle in der kleinen Kammer schliefen, sich den Rest in einer kleinen Schüssel. Wasser begann allmählich so kostbar zu werden wie ihre Heilkräuter, denn zu beidem war ihnen der Zugang versperrt. In der Zimmerecke klagte Lutz wehleidig. Seit Beginn der Belagerung weigerte Hildegard sich, die Katze aus dem Haus zu lassen, da Mabile sie darauf hingewiesen hatte, dass frei herumstreunende Tiere getötet werden würden, sobald der Fleischvorrat in der Stadt knapp zu werden begann. So wurde Lutz nur noch in den Speicher hinaufgetragen, wo er sich durch Mäusejagd ernähren konnte, bei Einbruch der Dämmerung aber zurück in die gemeinsame Kammer gebracht. Hildegard trug brav die Strohballen hinaus, auf denen die Katze ihre Notdurft verrichtete, doch genoss Lutz eine derart bevorzugte Behandlung keineswegs, sondern jammerte nun vorwurfsvoll seiner verlorenen Freiheit nach. Adelind schien es, dass diese Klagelaute ihrer aller Stimmung zum Ausdruck brachten.
» Hilft uns denn keiner? « , fragte sie, ohne wirklich auf eine Antwort zu hoffen. Tatsächlich herrschte für einen Moment nur betretenes Schweigen. Selbst die Katze wurde still und rollte sich auf dem Bett zusammen, als wolle sie das Beste aus ihrer Lage machen.
» Die Welt ist des Teufels « , verkündete Rosas harte Stimme im Türrahmen. » Niemand will es mit den gottlosen Heuchlern in Rom aufnehmen. «
Draußen setzte das Singen und Lachen des Vortages erneut ein, doch es klang eher verzweifelt als fröhlich. Adelind fand, dass es dem schrillen Schreien Todgeweihter glich. Bald darauf wurde es von dem bereits ebenso vertrauten Lärm der Wurfgeschosse, Rammböcke und Schmerzensschreie übertönt. Der Angriff auf die zweite Vorstadt, das Castellar, hatte begonnen.
Die heranrückenden Fußsoldaten hatten sich mit den Rammböcken in Gerüsten verborgen, auf denen die Felle frisch geschlachteter Tiere lagen, wodurch sie nicht so leicht in Brand zu setzen waren. Dennoch reichten das von den Mauern hinabgeschüttete heiße Pech und die geschleuderten Brandfackeln zunächst, um einige der feindseligen Ungetümer in Flammen aufgehen zu lassen. Nach einer Weile gelang es den Angreifern, eine Nische zu finden, wo sie vor den Wurfgeschossen sicher waren. Sie stießen mit unermüdlicher Zähigkeit weiter gegen die Mauer, bis sie deren Strebebalken anzünden konnten. Der Einsturz der Mauer des Castellar war in jedem Winkel Carcassonas zu hören, beendete schlagartig die wilde Feier in dem Wirtshaus neben der domus und trieb die Leute wieder in die Kathedrale oder zu den Häusern der Perfachs. Nun stand das Heer unmittelbar vor den Toren Carcassonas.
Drei Tage später traf ein Bote in edler Kleidung ein, um Adelind mitzuteilen, der Vescomte wünsche die Leiterin der domus sowie die Tochter von Esclarmonde de Foix zu sehen. Adelind fühlte ein klein wenig Hoffnung in sich aufkeimen. Vermutlich gab es Nachrichten von der Gräfin, die ihnen in irgendeiner Form Unterstützung würde zukommen lassen. Mabile verzog kurz das Gesicht, doch sie schloss Olivette gleich darauf in die Arme.
» Es geht sicher um dich. Du sollst gerettet werden « , meinte sie gleichmütig und schnitt Olivettes empörten Protest mit einer ungeduldigen Handbewegung ab.
» Sei froh darum und klage nicht! «
Adelind lieh sich wieder Hildegards Sukenie, obwohl der dunkle Stoff in der glühenden Hitze erdrückend schien. Ihr wurde bewusst, dass sie seit Beginn der Belagerung mit bloßen Armen herumgelaufen war, ja, dass sie beim Tanz im Wirtshaus gar eine Berührung ihrer nackten Haut durch fremde Männerhände zugelassen hatte. All dies wäre noch vor ein paar Wochen undenkbar gewesen, sie selbst hätte sich
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